Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft: Zweiter Kongreß für Ästhethik und allgemeine Kunstwissenschaft Berlin, 16.-18. Oktober 1924 — 19.1925

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D. KÜNSTL. GESTALTUNGSVORGANG IN PSYCHIATR. BELEUCHTUNG. 155

einfach kritisch referieren, sondern zugleich mit dem tatsächlich Gelei-
steten das Mögliche herausheben und begründen. Dabei scheidet dem
Wortlaut des Themas entsprechend das ganze Gebiet der Pathographie
meist unseligen Angedenkens völlig aus und ebenso die psychopatho-
logische Analyse von Kunstwerken, Gestalten aus Dramen und der-
gleichen. Zur Diskussion steht ausschließlich, was sich auf den Ge-
staltungsvorgang beim Schaffenden bezieht.

Leider reicht die Zeit nicht dazu, das Problemgebiet vom Gestal-
tungsvorgang aus zu gruppieren, ihn systematisch auseinander zu legen,
wie ich das in einer unvollendeten größeren Arbeit tue. Dann würde
viel deutlicher werden, wieviel gutes Detail zu den Einzelproblemen
auch aus schwächeren psychiatrischen Beiträgen noch zu gewinnen ist.
Bei der Beschreibung des äußeren Benehmens würde z. B. die mannig-
faltige Erscheinungsweise seelischer Spannung, Erschütterung, Befreiung
abgehandelt und von dem Hintergrund psychopathologischer Erfahrung
abgehoben. Oder in dem Abschnitt -Sinn- und Wertsetzung für das
Werk beim Schaffenden und beim Publikum« würden die Spielarten
des Gestaltungsgefühls: Stolz und Demut, autonome Sicherheit und
skeptisches Verzagen, flankiert erscheinen von der Schilderung para-
noider Wahnerlebnisse oder Stimmungsschwankungen des Lebensge-
fühls bei zyklischen Ausnahmezuständen. Dabei würden dann die For-
mulierungen der psychiatrischen Autoren für solche Parallelen durch-
mustert. Es ist mir jedoch gerade bei der Kürze der Zeit erwünscht,
dem Nichtpsychiater statt vielerlei Detail lieber einen Einblick in die
Beweggründe zu geben, die den Psychiater treiben, sich mit Gestaltungs-
problemen zu beschäftigen. Bei dieser kritisch wohlwollenden Beleuch-
tung des Problemgebietes werden sich zwanglos die Konturen einiger
markanter Psychiater und ihrer Forscherbemühung herausheben.

Vier Ausgangspunkte oder Hauptantriebe veranlassen den Psychiater,
sich über den künstlerischen Gestaltungsvorgang zu äußern:

1. Das systematische Vollständigkeitsbedürfnis.

In der allgemeinen Psychiatrie oder Psychopathologie pflegt man
die sprachlichen und bildlichen Produktionen der Kranken zu erwähnen
und durch Vergleich mit Kunstwerken zu charakterisieren, in neuerer
Zeit gern unter der Rubrik »Ausdrucksbewegungen und ihre Nieder-
schläge«. Es ist dabei nichts Wesentliches für das Gestaltungsproblem
herausgekommen. Denn diese Produktionen werden hier rein unter
Fachgesichtspunkten registriert und beschrieben, wobei es den Autor
meist besonders befriedigt, wenn man in auffälligen Merkmalen des
Werkes Krankheitssymptome deutlich als wirksam erkennt (Stereotypien
und dergleichen). Gefährlich wird es, wenn der Fachmann mit so
erworbener beschränkter Erfahrung, ohne kulturfähige Eigenbeziehung
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