Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft: Zweiter Kongreß für Ästhethik und allgemeine Kunstwissenschaft Berlin, 16.-18. Oktober 1924 — 19.1925

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182 JULIUS BAB.

Films durchaus gebaut. — Wir wissen, daß die kinematographische
Erfindung (darauf beruhend, photographische Aufnahmen in solcher
Schnelligkeit zu machen und im Scheinwerfer wieder vorzuführen,
daß der Schein einer lebendigen Bewegung entsteht) auf dem Gebiete
des populären und wissenschaftlichen Unterrichts außerordentliches
leisten kann, daß z. B. das Studium der Medizin wahrscheinlich in
tief einschneidender Weise durch die Möglichkeit kinematographischer
Vorführungen bereichert werden wird. Aber alle diese sehr nützlichen
und auch die sehr schönen Naturaufnahmen sind es durchaus nicht,
durch die die hunderttausend Kinematographentheater der Welt be-
stehen. Und diese Leistungsmöglichkeiten des Films können ja auch
nicht Gegenstand einer ästhetischen Betrachtung sein.

Wo der Kinematograph dagegen mit dem Anspruch auftritt, ein
künstlerisches Erlebnis zu bereiten, müssen wir zunächst einmal sehr
streng seine Möglichkeiten als technischer Reproduktionsapparat
von einer Möglichkeit als Instrument neuer künstlerischer Schöpfung
unterscheiden. Als Reproduktionsapparat konnte der Film bisher die
Photographie nur insoweit ergänzen, als er die Möglichkeit bot, Wandel-
bilder, Pantomimen, Tänze festzuhalten. (Warum man noch kein kine-
matographisches Archiv der jetzt so viel diskutierten und so vergäng-
lichen Tanzkunst eingerichtet hat, ist nicht einzusehen.) Seitdem aber
der sprechende Film durch die sogenannte Triergon-Arbeit erfunden
ist, die die absolute Gleichzeitigkeit von Ton und Wort nicht mehr
auf Grund einer mechanischen Verknüpfung, sondern eines chemischen
Prozesses garantiert, und einen ganz neuen und vollkommen natur-
nahen Apparat für Tonbildung eingeführt hat — seitdem ist es nur
noch eine Frage der Zeit, und wir werden im Kinematographen einen
vollkommenen Reproduktionsapparat auch für Theaterkunst haben, man
wird eine Bibliothek merkwürdiger Theateraufführungen besitzen, ge-
nau so wie heute eine für dramatische Werke. Wenn die bisher im
eigentlichen Sinne traditionslose Theaterkunst dann plötzlich eine wirk-
same Vergangenheit, d. h. eine lebendige Tradition haben wird, so
wird das von einem tiefen, vielleicht umwälzenden Einfluß auf die
Theaterkunst sein. Wir werden es aber dabei natürlich mit keiner Leistung
einer schöpferischen Filmkunst zu tun haben. Der Operateur, der eine
Theateraufführung aufnimmt, wird in keinem anderen und höheren
Sinne ein Künstler sein, als jeder andere Photograph.

Man darf als das entscheidende Kennzeichen einer selbständigen
Kunst vielleicht ansetzen: ein nur ihr eigenes Material, das dann durch
die Kraft eines gerade diesem Material wahlverwandten Künstlers in
rhythmische Schwingungen gebracht wird, deren Wesen und Wirkung
die künstlerische Persönlichkeit bestimmt. Nun stellten wir fest, die
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