Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft: Zweiter Kongreß für Ästhethik und allgemeine Kunstwissenschaft Berlin, 16.-18. Oktober 1924 — 19.1925

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KUNST UND JUGEND. 270

7. oder 8. Lebensjahr beginnend, in der das freie Schöpfertum immer
mehr durch das praktische, an den Wirklichkeitsgehalt des Lebens
anknüpfende verdrängt wird, und die im Jugendalter beginnende Periode
der Literatur, in der das dem Menschen je nach seiner Begabung
eigene differenzierte künstlerische Schaffen anfängt. Für das freie kind-
liche Schaffen werden als charakteristische Formen epische und ly-
rische Erzeugnisse angegeben, d. h. solche, in denen das Kind von
irgend einem Ereignis oder Vorgang aus der äußeren Welt erzählt
oder unmittelbar in Phantasiegebilden die von ihm empfangenen emo-
tionellen Erlebnisse, Gefühle und Stimmungen ausdrückt. Meist sind
diese beiden Schaffensarten nicht rein geschieden, sondern in be-
stimmter Weise kombiniert. Das dramatische Schaffen als solches aber
ist dem Kindesalter fremd; es mißlingt häufig noch im Jugendalter
und darüber hinaus. Den Grund sieht Schneersohn mit Recht in der
fehlenden Realität. Das Kind kann wohl einzelne Rollen spielen, weil
es sie als wirklich empfindet; es kann aber nicht Geschehnisse in
fremden Personen verkörpern, die das Reale vorstellen oder ersetzen.
»Wenn das Kind ein Märchen von den verlockenden Abenteuern eines
Riesen ersinnt oder diese Abenteuer im Spiel darstellt, so erlebt es,
indem es sich in einen Riesen verwandelt, unmittelbar die von ihm
erzählten oder im Spiel dargestellten Ereignisse. In dramatischen Werken
dagegen werden diese Abenteuer nicht als reale, sondern als ,gespielte'
dargestellt.« Diese Feststellungen dürften nicht unwichtig sein gegen-
über dem neuerdings stark hervortretenden Bestreben, Kinder und
Jugendliche zu dramatischer Eigenproduktion anzuregen1).

Mit der Pubertätszeit beginnt für den jungen Menschen ein
wirkliches Verhältnis zur Kunst. Aus der seelischen Struktur
dieser Altersstufe erwächst jene besondere Disposition, die das ästhe-
tische und künstlerische Erleben als reines Schaugefühl erst
ermöglicht. Es erwacht vor allem das Interesse am Dichterischen,
das nun nicht wegen des Inhalts, sondern in seiner besonderen künstle-
rischen Atmosphäre erfaßt wird. Während das Kind sich am Epischen
erfreute, am Geschehen in wunderbarer oder realer Form, beginnt nun
eine Vorliebe für das eigentlich Lyrische und Dramatische. In
der Erziehung müßte auf diese seelische Entwicklung Rücksicht ge-
nommen werden. Leider aber wird die Auswahl der Dichtung immer
noch nach anderen Gesichtspunkten als jugendgemäßen bestimmt.
Auch Spranger weist in seiner »Psychologie des Jugendalters« auf die
befremdliche Tatsache hin, daß die Schule gerade in diesem Alter das

') Vgl. F. Müller, Dramatisches Gestalten in der Volksschule. »Lebensschule«
Heft 17, Schwetschke u. Sohn, Berlin 1925; und Pallat-Lebede, Jugend und Bühne
(darin besonders die Beiträge von Karl Ettmayer und Georg Götsch).
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