Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft: Zweiter Kongreß für Ästhethik und allgemeine Kunstwissenschaft Berlin, 16.-18. Oktober 1924 — 19.1925

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282 HEINRICH JACOBY.

wir wirklich, wenn wir von Musik reden? Wer ist >musikalisch«, und
was ist »musikalisch«? — Wer ist »««musikalisch«, und was wollen
wir damit sagen, wenn wir jemanden als »««musikalisch« bezeichnen?
— Wie sind wir gewohnt, zuzuhören? Und auf was achten wir, wenn
wir zuhören? u. dgl. mehr. — Wir müssen unbedingt eine Klärung
solcher primitivster Begriffe und Fragen der Klangbeziehungen und
der musikalischen Ausdrucks- und Aufnahmefähigkeit anstreben, wenn
wir jene sichere Basis gewinnen wollen, von der aus überhaupt erst
klare und fest umrissene Fragestellungen möglich werden. Themen,
wie etwa das Thema »Kunst und Jugend«, sind, wie sich sehr bald
zeigen wird, überhaupt nur infolge der allgemeinen Unklarheit über
die tatsächlichen Vorgänge und Beziehungen formulierbar. Unser Thema
ist daher schon als Fragestellung abzulehnen, und ich gehe weiterhin
auch nicht mehr besonders darauf ein. Die Konsequenzen, die sich für
die Teilgebiete und Beziehungen, an die der Einzelne bei Worten wie
»Kunst und Jugend« denken mag, aus unsern grundsätzlichen Er-
wägungen ergeben, müssen sich — wie für viele anderen Fragen auch —
im weiteren Verlauf jedem von selbst aufdrängen.

Den folgenden Ausführungen liegt eine fest umrissene Auffassung
von Musik zugrunde. Sie wird uns dazu zwingen, eine grundsätzliche
Umstellung in unserem Verhalten zum musizierenden Menschen und eine
ebenso grundsätzliche Wendung in der Blickrichtung, oder vielmehr
Hörrichtung, bei der Beurteilung von Klangverhältnissen und Klang-
vorgängen vorzunehmen. Mit dieser Wendung gewinnen wir einen
Standpunkt, von dem aus gesehen unzählige psychologische, päda-
gogische und ästhetische Probleme in einem anderen Lichte erscheinen
werden als bisher. — Bei vielem, was sich dabei als im Wider-
spruch zu bestehenden Denkgewohnheiten und zu unserer üblichen
Zuhörerhaltung und Beobachtereinstellung befindlich zeigt, ist für
den wirklich überzeugenden, beweiskräftigen Aufschluß die selbst-
tätige Erfahrung ganz unentbehrlich. Leider fehlt uns hier die Möglich-
keit der Illustration durch praktische Versuche. Darüber hinaus zwingt
die Kürze der zur Verfügung stehenden Zeit zur Beschränkung auf
gröbste Andeutungen. Aus dem gleichen Grunde ist ein Eingehen auf
solche Vorgänge und Erfahrungen aus der Praxis, die Veranlassung
gegeben haben, die übliche Einstellung zu Fragen der musikalischen
Ausdrucks- und Aufnahmefähigkeit zu revidieren, nicht möglich. Durch
diese zeitliche Beschränkung, wie durch den Zwang, auf dem Umwege
über das Wort von Klangvorgängen sprechen zu müssen, bin ich für
das Verständnis von vielem in meinen weiteren Ausführungen in hohem
Maße auf Ihren guten Willen, verstehen zu wollen, angewiesen.
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