Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft: Zweiter Kongreß für Ästhethik und allgemeine Kunstwissenschaft Berlin, 16.-18. Oktober 1924 — 19.1925

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PRINZIPIENFRAGEN DER ETHNOLOGISCHEN KUNSTFORSCHUNG. 33g

Von diesem Standpunkt aus kann und muß man also von einem
Wesen der Kunst sprechen. Zwischen primitiven und höheren Kul-
turen bestehen hinsichtlich der Qualität ihrer Kunstgebilde nur Grad-
abstufungen; und der Gegensatz zwischen Kunst und Nichtkunst ist
auf allen Stufen in gleicher grundsätzlicher Schärfe vorhanden. Daß
er tatsächlich immer leicht zu erkennen oder den Trägern der jewei-
ligen Kunst selbst bewußt ist, ist damit nicht gesagt.

Wir können den Gegensatz beider Anschauungen erläutern durch
einen vergleichenden Blick auf ein anderes Kulturgebiet, nämlich die
Religion und speziell die primitiven Religionen. Hier besteht der
gleiche Gegensatz der Anschauungen. Die Ethnologie huldigt hier
seit Herbert Spencer, Tylor und Wundt fast ausschließlich der evo-
lutionistischen Auffassung. Wundt unterscheidet einmal ausdrücklich
in diesem Sinne zwischen vorreligiösen und religiösen Kulten. Die
eigentliche, echte Religion beginnt nicht etwa gleich mit denjenigen
Erscheinungen primitiver Kulturen, die in der ganzen 'Literatur als
Religion der niederen Völker bezeichnet werden, sondern erst viel
höher aufwärts. Das ist nicht bloß im Sinne einer mehr oder minder
willkürlichen Klassifikation gemeint oder im Sinne einer bloßen Wert-
unterscheidung, sondern die Unterscheidung greift viel tiefer. Nach
den animistischen und verwandten Anschauungen entstehen nämlich
die ersten Religionen lediglich aus gewissen Irrtümern der Phantasie
und Urteilskraft, verbunden mit einer Fürsorge für die praktische
Lebenserhaltung, die sich nur kraft jener Irrtümer imaginäre Ziele setzt;
und die ganze innere Verhaltungsweise der Geisterwelt gegenüber
wird folgerecht vorgestellt als völlig gleich derjenigen, die man gegen
andere Menschen hegt. Es liegen ursprünglich also lediglich bio-
logische Motive und Interessen zugrunde, so daß von einer spe-
zifisch religiösen Gesinnung in irgend einem, auch dem weitesten Sinne
gar nicht geredet werden kann. Wann diese erwacht, ist vielmehr cura
posterior, die der Ethnologe gerne dem eigentlichen Religionshistoriker
überläßt. — Den entgegengesetzten Standpunkt hat bekanntlich mit
der größten grundsätzlichen Schärfe Rudolf Otto in seinem Buch über
das Heilige zur Geltung gebracht. Für ihn liegt allem religiösen Leben
von vornherein eine spezifische Gesinnung, eben ein Sinn für das
Heilige und damit ein besonderes Wert- und Interessengebiet zugrunde,
das von vornherein selbständig neben dem biologischen oder dem
intellektuellen steht und nicht etwa erst allmählich aus 'ihnen heraus-
wächst :).

') Vgl. meine Abhandlung über das Heilige in den primitiven Religionen in
dem Jahrbuch: Die Dioskuren, Bd. I.
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