Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft: Zweiter Kongreß für Ästhethik und allgemeine Kunstwissenschaft Berlin, 16.-18. Oktober 1924 — 19.1925

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426 HANS JOACHIM MOSER.

Stoffsammeins an einem Punkt angelangt, der zu Überschau und
Selbstbesinnung einlädt. Die Geschichte der innermusikalischen Kunst-
technik ist fürs erste zur Not festgestellt, und man möchte allgemeine
Folgerungen aus dem Erarbeiteten ziehen, möchte den Rohstoff in
höherem Sinn als bisher beseelen. Unsere Kunst steht ihrer ganzen
Artung nach weiter ab von der sichtbaren Realität, die die bildenden
Künste zur Not immer zum Vergleich heranziehen können, von den
Begriffen und der Sprache des gemeinen Lebens, die der Dichtung
doch zunächst benachbart bleiben, und so kann uns mit Recht ein
Fachvertreter wie C. Sachs, der selber von der Kunstgeschichte her-
kommt, vor der Gefahr der Isolierung warnen. Mit einem gewissen
Neid sehen wir die Historiker der bildenden Kunst mit einer längst
ziemlich feststehenden Nomenklatur von Stilepochen arbeiten, denen
auch in der Allgemeinbildung bereits in hohem Maße wenigstens ge-
wisse Stimmungsinhalte eignen, und sehen sie mit ruhiger Selbstver-
ständlichkeit Techniken wie die der Bestimmung anonymer Kunstwerke
handhaben, worin wir methodisch durchschnittlich noch wesentlich
zurückstehen. Auch die Literarhistoriker sehen wir mit »Erlebnistypen«
und dergleichen, d. h. mit Begriffen von einer seelischen Feinheit ope-
rieren, die wir uns bisher noch aus Furcht vor zu geringer Greifbar-
keit anzuwenden scheuten, obwohl wir wußten, daß auch unser Ge-
biet sich einmal diesen Methoden notwendig werde öffnen müssen.
Anderseits glaube ich, daß wir wieder in der Geschichte der Kunst-
theorie, der Formtypen und dergleichen den Nachbardisziplinen um
einiges voraus sind. Jedenfalls aber hofften wir, durch Austausch von
Stilerfahrungen mit den Historikern der andern Künste erweiterte Er-
kenntnis und neue, frische Begriffsinhalte zu erlangen, vielleicht auch
ihnen manches aus eigenem Besitz übereignen zu können. Auch die
neueste Entwicklung der lebendigen Künste scheint ja auf etwas Ent-
sprechendes hinzudrängen; denn wenn die Lieblingsidee der Ro-
mantik, das sogenannte Gesamtkunstwerk, auch schon mehrere Künste
zu gemeinsamer Wirkung zu verketten suchte, so geschah es doch
wohl, ohne daß jede einzelne dabei Wesentliches von ihrer Natur auf-
zugeben brauchte. Heut dagegen, im bildnerischen Expressionismus,
sucht die Malerei unter Verzicht auf äußere Naturnachahmung Seelen-
abbildung nach Art der absoluten Musik zu geben, und die Tonkunst
setzt sich hiernach sozusagen ein zweites Stockwerk der Musikhaftig-
keit auf, indem sie alles gewohnte Floskelwesen, das durch Konven-
tion zu fast außermusikalischer Begrifflichkeit verdeutlicht war, abstreift
und mit neuen linearen Mitteln Architekturwirkung als solche zu geben
erstrebt.

Wir sehen das Problem als solches also doppelt gerechtfertigt vor
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