Das Buch für alle: illustrierte Blätter zur Unterhaltung und Belehrung für die Familie und Jedermann — 11.1876

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gestehen, überraschte und verlebte mich Deine Antwort,
daß es zwischen der Generalin und Dir so bleiben
werde und bleiben müsse, wie es bisher gewesen sei. Ich
habe das nie so recht begriffen, Papa; die Besitzung der
Tante liegt kaum eine halbe Stunde von hier entfernt,
und keiner von uns Beiden ist, so weit ich zurückdenken
kann, je in ihrem Hause gewesen."
Das Antlitz des alten Herrn hatte einen harten und
strengen Ausdruck angenommen, ein bitterer, feindseliger
Zug umzuckte seine Lippen.
„Ich hätte längst meine Gründe Dir nennen sollen,"
erwicdcrte er, „aber cs fehlte nur bisher an einer Passen-
den Gelegenheit dazu, und überdies war es mir immer
Peinlich, über diesen dunklen Punkt in unseren Familicn-
Anualen zu reden."
Er trat an den Tisch, nahm aus dem zierlichen Eben-
holzkästchen eine Cigarre und zündete sie an, dann ließ
er sich in einen Sessel nieder, und eine
leichte Falte zeigte sich zwischen seinen
buschigen Brauen, unter denen die Augen
noch in jugendlichem Feuer blitzten.
„Mein Bruder Konrad war etwa
fünfzehn Jahre älter als ich," be-
gann er, „meine übrigen Geschwister
starben in früher Jugend, wir Beide
waren die einzigen Erben, als unser
guter Vater das Zeitliche segnete.
Konrad erbte das Stammschloß, wel-
ches jetzt noch die Generalin bewohnt,
ich, der jüngere Sohn, wurde mit einer
Geldsumme abgefundcn, die Besitzung
sollte auf mich übergehen, wenn mein
Bruder vor mir starb und bei seinem
Tode keinen Erben hinterließ. Die
Hoffnung, daß dieser letztere Fall ein-
treten werde, hatte ich nie gehegt,
ich war gewohnt, mit sicheren Faktoren
zu rechnen. Der Sold eines Offiziers
war damals noch sehr gering, und die
Zinsen meines kleinen Vermögens reich-
ten nicht hin, den Ausfall zwischen
Einnahme und Ausgabezu decken. Schul-
den wollte ich nicht machen, und Deine
Mutter war auch unbemittelt, so kam
es, daß das Kapital angegriffen wurde,
und wenn man sich einmal auf dieser
abschüssigen Bahn befindet, daun ver-
sucht man umsonst, Einhalt zu ge-
bieten. Ich will dabei auch offen-
herzig bekennen, daß ich nie ein guter
Rechner gewesen bin und daß es mich
selbst überraschte, als ich eines Tages
den Verlust meines Vermögens ent-
deckte. Na, ich war zur Zeit dieser un-
angenehmen Entdeckung bereits Major,
und da unsere Bedürfnisse sich in
bescheidenen Schranken hielten, so konnte
ich mit meinem Solde auskommen.
Konrad hatte als General den Ab-
schied genommen, er war, wie gesagt,
fünfzehn Jahre älter als ich und wäh-

Die Hand der Nemesis.
Roman
von
Ewald August König.
Erstes Kapitel.
Die Familie k>. Stockmann.
(Nachdruck verboten.)
„Ich habe Dir das oft gesagt, Siegfried, und heute
sage ich es noch einmal, daß die Laufbahn, die Du ge-
wählt hast, keineswegs meinen Meifall hat. Ich gab
damals nur mit Widerstreben meine Zustimmung, aber
ich gab sie; Du hattest Deine Wahl getroffen und ich
wollte Dir nicht entgegcntreten."
Der junge Herr, an den diese Worte gerichtet waren,
saß in einer Ecke des Divans und blickte sinnend den
Rauchwölkchen seiner Cigarre nach. Eine frische, jugendliche
Erscheinung, war er das getreue Eben-
bild seines Vaters, des pensivnirten
Oberst Georg v. Stuckmann, der in dem
einfach aber geschmackvoll ausgestatte-
ten Zimmer auf und nieder wanderte.
„Die Familie v. Stuckmann hat bis-
her ihre Söhne stets zur Armee ge-
geben," fuhr der Oberst fort, „Du
bist der Erste, der eine Ausnahme macht.
Eine glänzende Carriöre hast Du nicht
gewählt, Siegfried, und überdies ist
Has Amt eines Richters mühsam und
wenig einträglich."
„Jedes Amt hat seine Last und seine
Mühe, Papa, und in der Hauptsache
kommt es Wohl darauf an, ob man
sein Amt mit Lust uud Liebe verwal-
tet," schaltete Siegfried ein, und aus
seinen dunklen Augen leuchtete eine ehr-
liche und unerschütterliche Willens-
kraft. „Bis zuni Assessor habe ich es
schon gebracht, und ich bin keines-
wegs gesonnen, das Amt eines Rich-
ters als Abschluß meiner Carriöre zu
betrachten, im Gegentheil gedenke ich
schon binnen Kurzein die diplomatische
Laufbahn zu betreten. Wozu auch
Hütte ich Staatswisscnschaft studirr,
wenn ich dieses Feld nicht bebauen
wollte? In den maßgebenden Kreisen
kommt man mit Wohlwollen meinen
Wünschen entgegen, Protektionen muß
man heutigen Tages haben, wenn
man vorwärts kommen will, und ich
weiß, sie fehlen mir nicht."
Der Oberst war stehen geblieben,
er drehte an den Spitzen seines Schnurr-
barts und nickte leicht mit dem Kopfe,
als ob er seine Uebereinstimmung mit
diesen Anschauungen und Hoffnungen
ausdrückcn wolle.
„Ich hätte Dich lieber an der Spitze
eines Regiments gesehen," sagte er;
„aber wer den Degen tragen will, der

muß auch mit Leib und Seele Soldat sein, und
ich glaube, ein guter Soldat wärest Du nicht geworden.
Und im Grunde genommen liegt jetzt auch weniger daran,
seitdem die alten Traditionen unseres Hauses so frevelhaft
in den Staub getreten wurden; ich kann das meinem
Bruder nie vergeben und vergessen."
Siegfried blickte den Vater betroffen an, der hoch
anfgerichtet, in militärisch strammer Haltung vor ihm
stand.
„Und was ist die Veranlassung zu diesem Groll, der
selbst über das Grab hinausreicht?" fragte er. „Als ich
Bella v. Stuckmann, meine schöne Cousine, im vergange-
nen Winter kennen lernte, als ich Dir sagte, Tante
Adelaide habe sich nach Dir erkundigt und ihr Befrem-
den darüber geäußert, daß der Bruder ihres verstorbenen
Gatten sie. keines Besuches, nicht einmal eines freund-
lichen Wortes würdige, da, ich will es Dir offenherzig

Pauline Ulrich.
Nach einer Photographie gezeichnet von C. Kolb, (S. 7.)
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