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Die Hand der Nemesis.
3t o m a n
von
Hwakd August König.
lFortsetzung.)
(Nachdruck verboten.)
„Haben die Vorwürfe Lossow's spießbürgerliche Vor-
sätze in Ihnen geweckt?" fragte Barnekow höhnisch.
„Wollen Sie vielleicht dadurch seine Verzeihung er-
kaufen?"
„Dann würde ich mich selbst verachten," sagte Rabe,
dem das Blut in die Stirne stieg. „Was ich gethan
habe, kann ich verantworten und Niemand hat mir
darüber einen Vorwurf zu machen."
„Wenn ich das glauben soll, müssen Sie es mir
beweisen," sagte Barnekow, während er eifrig beschäftigt
war, ein Patiencespiel zu machen, »mir scheint doch, die
Vorwürfe haben einen nachhaltigen Eindruck auf Sic
gemacht. Ich würde Ihnen das so sehr übel nicht
nehmen, Rabe, Fräulein v. Lossow ist
eine beneidenswerthe Parthie, und eine
glänzende Zukunft schlägt Niemand gerne
in die Schanze."
„Sie würden es gewiß nicht thun," cr-
wiederte Rabe, der dem Spiel mit gespannter
Aufmerksamkeit zuschaute.
„Ich weiß das nicht, jedenfalls aber
würde ich meinen Freunden gegenüber auf-
richtig sein und mich weder um ihren Bei-
fall noch nm ihren Spott kümmern. Hm
— ein böses Omen, die Patience geht
nicht auf, ich werde heute Abend nicht
gewinnen!"
„Unsinn!"
„Sie mögen Recht haben, aber ich habe
zu oft die Erfahrung gemacht, daß der-
artige Voraussagungen in der Reget ein-
treffen. Wäre ich abergläubisch, würde ich
heute nicht spielen."
Rabe mochte sagen, was er wollte — wie
alte Spieler war auch er gegen solche Omina
nicht unempfindlich, und er ahnte nicht, daß
Barnekow absichtlich das Patiencespiel ver-
loren hatte, um ihm eine Falle zu stellen.
„Was spielen wir?" fragte der Letztere,
indem er die Karten aufnahm.
„Ich schlage meine Tante — deine
Tante vor!"
„Gut, und der Einsatz?"
„Hundert Thaler."
„Wie Sie wollen!" sagte Barnekow
ruhig. „Ucbernehmen Sic die Bank, oder
wünschen Sie —"
„Die zehn ersten Taillen übernehme ich."
„Gut, beginnen wir."
Herr v. Barnekow holte sein Portefeuille
aus der Tasche und legte ein Packet Bank-
noten vor sich hin, Rabe zog die Glocke
und forderte eine zweite Flasche Cham-

pagner, dann traf auch er seine Vorbereitungen. — Das
Spiel begann, Barnekow Pointirtc, Rabe zog langsam
die Karten ab.
Nach der ersten Taille hatte Rabe dreihundert Thaler
gewonnen, nach der fünften betrug sciu Gewinn bereits
tausend Thaler.
„Sie werden die sechstausend Thaler wieder gewinnen,"
sagte Barnekow, dessen Ruhe zu der Erregtheit Rabe'S
einen scharfen Gegensatz bildete.
„Bah, auf den ersten Gewinn habe ich nie viel ge-
geben !"
„Und ich sage Ihnen, das böse Omen hat wahr ge-
sprochen."
„Es würde mir keineswegs unangenehm sein," mur-
melte Rabe.
„Und mir ist es ziemlich gleichgiltig," erwiedcrte
Barnekow achselzuckend. „Sie haben so oft verloren,
weshalb sollten Sie nicht auch einmal gewinnen? Fahren
wir fort!"
Das Glück wendete sich; in den letzten Taillen verlor
Nabe nicht nur seinen ganzen Gewinn, sondern noch

tausend Thaler dazu. Jetzt übernahm Barnekow die
Bank, er zog die Karten rascher ab, Rabe vermochte dem
Spiel kaum zu folgen.
Der Verlust des Letzteren wurde mit jeder Taille
größer, er pointirte höher, die wachsende Aufregung trieb
ihm den Schweiß auf die Stirne.
„Sie wollen das Glück forcircn," sagte Barnekow
ruhig, „ich würde das nicht thun."
„Ich setze nochmals fünfhundert Thaler auf die
Dame," erwiederie Rabe mit heiserer Stimme, während
er in der zitternden Hand das Champagnerglas hielt.
„Wie Sie wollen, — König, Zehn, Aß, Bube —
Dame, Sie haben verloren!"
„Viertausend Thaler!" murmelte Rabe. „Ich wollte,
Sie wären mit Ihrer Spielwuth, nm der Pfeffer
wächst!"
„Bah, Sie würden mich möglicherweise auch in jenem
schonen Lande aufsuchen!"
„Habe ich jemals Sie ausgesucht?"
„Sie werde» mir doch nicht vorwerfeu wolle», daß
ich Ihnen nachgekaufen sei? Sie regen sich zu sehr auf,
Rabe, das ist ein Fehler, den Sie ablcgen
müssen."
„Denken Sie an Ihre eigenen Fehler,"
crwicderte Rabe barsch, „ich habe Sie nicht
beauftragt, mir die Splitter aus den
Augen zu ziehen."
„Sie wollen mich wohl auf deu eigenen
Balken aufmerksam machen?" spottete Bar-
nekow. ,
„Ich hätte nichts dagegen, wenn Sie
Rücksicht darauf nehmen wollten."
„Mit Vergnügen! Poiutiren Sie!"
„Fünfhundert auf den König und fünf-
hundert auf die erste Dame!"
Barnekow zog ab, mit fieberhafter Span-
nung ruhte der glühende Blick Rabe's auf
den Karten.
„Wieder verloren!" sagte Barnekow nach
einer Weile, während er seinen Freund
fragend anblickte, der mit sehr bedenklicher
Miene den Kopf schüttelte, als ob er
andeutcn wolle, daß er das nicht begreifen
könne. „Wollen Sie aufhören?"
„Nein, entweder oder!"
„tznitto nn cioublo?"
„Jawohl."
„Es handelt sich nm fünftausend Thaler!"
„Wenn ich verliere, um zehntausend, ich
weiß cs!" sagte Rabe aufwallend. „Fürchten
Sie vielleicht, ich könne nicht zahlen?"
„Ich denke nicht daran, das zu behaupten."
„Dann vertieren Sie auch keine Worte
weiter!"
„Welche Karte?" fragte Barnekow.
„Noch eiumäl die Dame!"
Herr v. Barnekow zog ab, der fieber-
haft glühende Blick Rabe's folgte jeder
Bewegung.
Die Dame fiel auf die Seite des Bank-
halters, aber in demselben Angenblick hielt

Prosesjor vr. Georg Weier. Nach einer Photographie gezeichnet von C. Kolb. lS. 510.)
 
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