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Die Hand der Nemesis.
Roman
von
ßivakd August ASnrg.
tFortsctznng.) (Nachdruck verboten.)
„Eine Hauptfrage bleibt noch zu beantworten: Woher
nahm Rabe das Gift?" fuhr der Assessor fort.
„Wenn Sie im Schlosse der Generalin die Rumpel-
kammer durchsuchen, so werden Sie dort tu einem alten
Schranke einen vollständigen chemischen Apparat finden,
mit dem Herr Rabe oft in seinem Arbeitszimmer experi-
mentirt hat. Er that das in der Regel zur Nachtzeit,
wenn er, wie er sagte, nicht schlafen konnte. Einmal
überraschte ich ihn am Hellen Morgen vor seinem Apparat,
er hatte die ganze Nacht experünentirt, das Bett war
unberührt. , Ich erinnere mich noch, daß es stark nach
bitteren Mandeln roch, und daß ich den
ganzen Tag an furchtbarem Kopfweh litt.
Später, als mein Herr ausgegaugen war,
fand ich ans seinem Schreibtisch ein Buch
über Blutlaugensalz und Blausäure, und
mn nächsten Tage krepirte eine unserer
Katzen, die augenscheinlich vergiftet wor-
den war."
Siegfried hatte die Lippen fest auf ein-
ander gepreßt, er mußte sich immer wie-
der der Bitte Arabella's erinnern, und
jetzt ärgerte es ihn, daß diese furchtbare
Anklage gegen Rabe erhoben wurde.
„Sie hätten alle diese Aussagen im
ersten Verhör machen müssen," sagte er mit
herbem Vorwurf. „Dachten Sie denn nicht
daran, daß Sie durch Ihr Schweigen sich
zum Mitschuldigen des Mörders machten?
Sie ließen sich bestechen —"
„Nein, ich habe daran nicht gedacht," fiel
der Kammerdiener ihm in's Wort, „ich
dachte nur an meine eigene Zukunft, die
Rabe mir sicherzustellen versprochen hatte."
„Sie hätten vorausschen können, daß er
dieses Versprechen nicht halten würde,"
erwiederte Siegfried, „deshalb wäre es
besser gewesen, sofort mit der Wahrheit
herauszurücken. Sie wissen nicht, was
die Papiere des Gärtners enthielten?"
„Nein, sie waren in einem verschlosse-
nen Kistchen, welches Rabe selbst erbrochen
hat. Was sie enthielten und worauf sie
sich bezogen, darüber kann ich nur in
Vermuthnugen mich ergehen."
„Er hat nie eine Aeußerung darüber
fallen lassen?"
„Nie, er war darin zu vorsichtig."
„Wir nehmen nun das vorhin unter-
brochene Verhör wieder auf," sagte Sieg-
fried, indem er seinem Aktuar einen Wink
gab. „Haben Sie schon früher einmal,
vielleicht im Auftrage Rabe's den Anti-
quar Hochmuth besucht?"

„Nein," erwiederte Joseph, dessen Stirne sich wieder
finster umwölkte, „ich war vorgestern Abend zuni ersten-
mal in dem Hause."
„Sie haben auch, als Sie es verließen, auf der
Straße nichts Verdächtiges bemerkt?"
„Nein."
„Wollen Sie mir den Anzug beschreiben, den Sie
an dem Wend trugen?"
„Es war derselbe, den ich heute trage."
„Die Lampe ist also schon umgefallen, als Sie sich
noch in deni Zimmer befanden?"
„Ich kann nur wiederholen, daß ich nicht weiß, wie
es gekommen ist, aber ich glaube, daß der Antiquar an
den Tisch gestoßen hat, als er vor mir zurückwich."
„Und Sie wollen ihm nur einen Faustschlag gegeben
und dann das Haus sofort verlassen haben?"
„Dabei bleibe ich!"
„Haben Sie mir nichts mehr zu sagen?"

„Was sollte ich Ihnen noch sagen, Herr Assessor?"
„Vielleicht erinnern Sie sich, wo die,Werthpapiere
und das Geld gefunden werden können."
„Herr Assessor, wenn ich das Wüßte, würde ich es
nicht vergessen haben," sagte der Kammerdiener, sich hoch
aufrichtend. „Ich bleibe bei meiner Erklärung, daß ich
schuldlos bin, und daß meine Verhaftung einzig und
allein das Werk eines erbärmlichen Polizeispions ist."
Der Aktuar ging hinaus, um den Beamten zu rufen,
das Verhör war geschlossen, Joseph in's Gefängniß
zurückgeführt.
Lange blieb Siegfried in Nachdenken versunken, dann
nahm er das Protokoll, nin noch einmal die ans Rabe
bezüglichen Aussagen des Kammerdieners zu lesen.
Er mußte die Sache verfolgen, die Ermordung des
Gärtners war durch diese Aussagen bewiesen; die Lücken,
die in der Beweiskette sich noch befanden, konnten ohne
! große Mühe ausgefüllt werden.
Die Stimme des Aktuars weckte Siegfried
aus seinem Brüten, wie aus einem schwe-
ren, verworrenen Traum erwachend blickte
er auf.
„Das Verhör kann beginnen," sagte
der Schreiber, „einige Zeugen warten schon
im Vorzimmer."
„Welche?" fragte Siegfried.
„Der Schließer, die Frau und ein
Herr, den ich nicht kenne."
„Es wird Herr v. Barnekow sein,"
erwiederte der Assessor. „Sagen Sie ihm,
ich lasse ihm für seine Gefälligkeit bestens
danken, auf seine Zeugenaussage wolle ich
für heute verzichten."
Einige Minuten später trat der Schließer
ein, der Ausdruck seines Gesichts verrieth
ernste Besorgniß.
„Sie heißen Robert Schmalz und sind
seit einer Reihe von Jahren Schließer
im Gefängniß," nahm Siegfried das Wort,
„bisher gaben Sie keinen Anlaß zu einer
Beschwerde, in: Gcgentheil, Ihre Vorge-
setzten stellen Ihnen das Zeugniß eines
pflichttreuen, gewissenhaften Beamten ans.
Um so auffallender muß es erscheinen,
daß Sie jetzt von dein Wege der Pflicht
abgewichen sind, Sie werden wissen, daß
Sie dadurch sich strafbar gemacht haben."
„Herr Assessor, ich hatte dabei keine bösen
Absichten," erwiederte der Schließer mit
unverkennbarer Augst. „Mein Weib war
krank, Noth und Sorgen —"
„Ihre Verhältnisse sind mir bekannt, sie
entschuldigen eine Pflichtverletzung nicht,
wenn ich auch zugeben will, daß sie die
Versuchung unterstützten. Nur ein ganz
offenes Geständniß, eine wahrheitsgetreue
Beantwortung meiner Fragen kann Ihnen
Straflosigkeit erwirken, in diesem Falle
wird das Vergehen nicht weiter verfolgt
werden."
„Ich will Alles sagen, was ich weiß."
 
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