Das Buch für alle: illustrierte Blätter zur Unterhaltung und Belehrung für die Familie und Jedermann — 11.1876

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hat er das ausgeplaudert?" rief Rabe

der

ist

Friedrich Bodciistrdt. Noch einer Photographie gezeichnet von C. Kolb. (Z. 4lS.)

Die zuckenden Lippen fest auf einander gepreßt und
die Brauen drohend zusammen gezogen, stand Rabe den
Beiden mit funkelndem Blick gegenüber. Er schien zu
ahnen, was ihn erwartete, aber feine Haltung und der
Ausdruck seines Gesichts vcrriethen, das; er entschlossen
war, jeden Kampf, der ihm angeboten wurde, aufzu-
nehmen.
„Was habt Ihr mir zu sagen?" wandte er sich nach
einer Pause zu dem Schließer. „Macht es so kurz wie
möglich."
„Das Gepäck ist schon in den Händen des Unter-
suchungsrichters !"
„Wer sagte Euch das?"
„Der Gefangene, ihm hat's der Richter selbst gesagt."
„War er heute wieder im Verhör?"
„Ja. Und in diesem Verhör ist von den tausend
Thälern die Rede gewesen, die der Amerikaner damals
von Ihnen erhalten hat."
„Weshalb

Die Hand der tlemelis.
Roman
von
Ewald August König.
tFortsthnng.) (Nachdruck verboten.)
In dem Blick Rabe's spiegelte sich ein scharf aus-
geprägtes Mißtrauen.
„Nein!" erwiederte er barsch.
„Dann wollen wir auch keine Worte weiter verlieren.
Ich habe Ihnen viel zu sagen und hier möchte ich nicht
gerne in Ihrer Gesellschaft gesehen werden, mail würde
auf mich einen Verdacht werfen, dessen Folgen mir
unangenehm werden konnten."
Noch immer ruhte der Blick Rabe's durchdringend
auf dem Schließer.
„Werde ich Euch in Enrcr Wohnung allein finden?"
fragte er.
„Ja."
„Gut, in einer Viertelstunde bin ich dort."
Der Schließer ging rasch von dannen,
er fand in seiner ärmlichen Wohnung den
Zimmermann, der das Haupt aus den
Arm gestützt in Nachdenken versunken war.
„Wird er kommen?" fragte Siebel.
„Er hat's versprochen," nickte
Schließer. „Wo sind die Kinder?"
„Ich habe sie zu unserer Nachbarin ge
schickt," erwiederte seine Frau, „es
besser, wenn sie nicht zugegen sind."
„Großen Lärm wird's nicht geben,"
sagte Siebel spottend, „der feine Herr
wird Wohl einsehen, daß er sich fügen nmß."
„Am Ende wäre es doch besser, wenn
ich mit ihm allein bliebe," erwiederte
Schmalz, „findet er Euch hier —"
„So werden wir ihm schon erklären,
weshalb ich hier bin," fiel der Zimmer-
mann ihm in's Wort. „Laßt mich nur
machen, ich werde das Schaf schon scheercn.
Da kommt er."
Rabe öffnete im nächsten Augenblick die
Thüre, er stutzte, als sein Blick auf
Siebel fiel.
„Wollt Ihr mich verrathen?" fuhr er
zornig auf. „Wer ist dieser Mann, und
was will er hier?"
„Wer ich bin?" erwiederte Siebel ruhig.
„Der Mann der früheren Wärterin, und
diese Frau ist meine Schwester. Wir bilden
hier einen Familienrath, bester Herr, und
es ist mir außerordentlich gleichgiltig, ob
Sie ihn anerkennen oder nicht."
„Mein Schwager ist von Allem unter-
richtet," fügte der Schließer hinzu, „ohne
seinen Rath thue ich nichts, er wird uns
nicht verrathen."
„Im Gegcntheil," fuhr Siebel fort, „ich
werde mein Weib nicht in's Zuchthaus
bringen."

wüthcnd auS. „Es war ja nicht uvthig, daß er es
sagte!"
„Ein Untersuchungsrichter stellt oft Fragen, an die
man gar nicht gedacht hat," erwiederte Siebel. „Sie
werden jetzt darüber vernommen werden, weshalb Sie
dem Manne das Geld gegeben haben. Und mit einer
faulen Ausrede kommen "Sie dabei nicht durch, der
Richter will Gründe wissen. Weit genug ist die Sache
schon gediehen, der Gefangene hat von einem Geheimuiß
gesprochen, und der Richter will jetzt —"
„Der Gefangene ist ein Esel," unterbrach Rabe ihn
erregt, dessen Aerger durch die unangenehme Situation,
in der er sich befand, noch erhöht wurde. „Wenn er
selbst den Kopf in die Schlinge stecken will, dann können
seine Freunde ihm nicht helfen."
„Das hat er nicht vor," sagte der Schließer, „er
verlangt vielmehr von Ihnen, daß Sie Wort halten
und den Beweis seiner Unschuld liefern. Wenn der
Untersuchungsrichter ihn auf's Glatteis geführt hat,
dann —"
„Dann hätte er sich vorsehen sollen!"
rief der Gutsbesitzer. „Er mußte auf solche
Fragen gefaßt sein."
„Das ist leicht gesagt," erwiederte
Siebel, „Sie werden das einselM, wenn
Sie dem Untersuchungsrichter gegenüber
stehen."
„Was verlangt der Gefangene jetzt?"
fragte Rabe.
„Zum Ersten die bewußte Photographie!"
erwiederte Schmalz.
„Er soll sie haben."
„Sodann seine Freiheit im Laufe der
nächsten Tage."
„Das kann auch geschehen, wenn Ihr
Vernunft aunehmen wollt. Laßt ihn ent-
wischen, es soll Euer Schaden nicht sein,
und wenn Jhr's richtig anfangt, wird
man Euch nichts beweisen und anhaben
können. 'Es wäre das einfachste und beste
Mittel Allein vorzubeugen, und Eure Frau
würde ebenfalls sehr damit zufrieden sein."
„Meine Frau?" spottete Siebel. „Ich
hab' keinen Grund, sie zu schonen."
„Vorhin spracht Ihr anders."
„Ich sage auch nicht immer, was ich
denke. Und mit dem Fluchtplan ist es
gar nichts, es wäre nußlose Mühe, dar-
über uachzudenken, mein Schwager wird
nicht so dumm sein, sich und seine Fa-
milie in's Unglück zu stürzen. Sie würden
ihm ja doch nicht so viel geben, daß er
von den Zinsen leben könnte."
„Ich würde tausend Thaler dafür zahlen
unter der Bedingung, daß der Versuch
vollständig gelingt."
„Tausend Thaler," erwiederte Siebel
achselzuckend. „Was kaufe ich mir dafür!
Sie würden bald dahinter kommen, daß
der arme Schlucker die Tasche voll Geld
hat —"
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