Das Buch für alle: illustrierte Blätter zur Unterhaltung und Belehrung für die Familie und Jedermann — 11.1876

Page: 481
DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/bfa1876/0472
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
Die Han- der Remelis.
Roman
von
Kwakd August Löuis;.
lü'artsehnng.) (Nachdruck verboten.)
„Na, die Generalin wird mir keinen Dank dafür
wissen, daß ich ihrem Bruder die Maske so schonungs-
los abgerissen habe," sagte der Oberst, ,,sie hatte mich
gebeten, ihn zu schonen, und den schändlichen Betrug zu
verheimlichen, sie hofft noch immer auf seine Besserung.
Daß dies eine vergebliche Hoffnung ist, will sie nicht
einsehcn."
„Es wird ihr schließlich doch klar werden."
„Hm, dann beschuldigt sie wahrscheinlich mich, daß
ich ihm die Ausführung seiner guten Vorsätze unmöglich
gemacht habe —"
„Fürchtest Du wirklich, der alte Hader könne wieder
erwachen d"
„Jetzt nicht mehr, die Baude sind zu
fest geknüpft. Siegfried hat sich vor einer
Stunde mit Arabella verlobt, ich wollte
Dir und Deiner Tochter die Nachricht
bringet: und euch zu einem kleinen Ver-
lobuugsfest abholen."
„So rasch ist der Versöhnung die Ver-
lobung gefolgt d" fragte Herr v. Lossow
überrascht. „Ich wünsche von ganzem
Herzen Glück rind darf wohl darauf ver-
trauen, daß Du die Aufrichtigkeit dieses
Wunsches nicht bezweifeln wirst. Ella
hatte das voraus gesehen, aber ich wollte
nicht daran glauben."
„So rasch hatte ich es auch nicht er-
wartet."
„Und wenn Du mir einen großen Ge-
fallen erzeigen willst, dann sprich heute
mit Ella nicht darüber, in der Stimmung,
in der sie sich befindet, kann das Glück An-
derer sie nur erbittern. Du kennst sie ja
und wirst mich verstehen."
„Und ich danke Dir, daß Du mich
darauf aufmerksam gemacht hast."
„Aus demselben Grunde muß ich leider
auch Deine freundliche Einladung ablehneu,"
fuhr der Baron fort, „wir würden schlecht
in den frohen Kreis Passen und euch
Allen die Freude verderben. Ella würde
ohnedies ablehnen, und ich halte es für
nöthig, daß ich mich sofort zum Justizrath
Walther verfüge, um mit ihm über die
Zurücknahme des Gesuches zu berathen."
Der Oberst konnte gegen dieses Vor-
haben nichts einwenden, er mußte dem
Freunde beipflichten, und unter den ob-
waltenden Verhältnissen war es in der
That auch besser, daß Lossow und seine
Tochter dem frohen Kreise fern blieben, sie
befanden sich ja nicht in der Stimmung, an
der Freude herzlichen Antheil zu nehmen.

So schied er denn nach kurzem Aufenthalt wieder,
ohne Ella gesehen und mit ihr gesprochen zu haben, und
als er das Haus verlassen hatte, da athmete auch er
auf, in Lossow war die Luft uie so drückend gewesen,
wie an diesem Tage.
Dreiundzwanzigste8 Kapitel.
Die Wolken ballen sich.
Zitternd vor Wuth hatte Willibald Rabe das Haus
Lossow verlassen, alle Leidenschaften waren in seinem
Inneren entfesselt, er mußte sie austoben lassen.
Er wäre in dieser Stunde vor einem Morde nicht
zurückgebebt, wenn er nur mit Sicherheit gewußt Hütte,
daß er dadurch seinen Zweck erreichen würde.
Die verletzende, an Verachtung streifende Kälte Ella's,
die Vorwürfe Lossow's und die erniedrigenden Bedingun-
gen, die ihm gestellt worden waren, hatten sein Blut in
fieberhafte Wallung gebracht, nun mußte zum Schlüsse

auch noch der Oberst kommen und ihn des Betrugs und
des Diebstahls anklagen!
Lange Jahre hindurch hatte er der Versuchung wi-
derstanden, das Vermögen seiner Schwester anzugreifen,
nun war der Fehltritt geschehen und seine eigene Schwe-
ster die Erste, die ihn anklagte.
Weshalb hatte sie nicht selbst die Verwaltung
ihres Vermögens übernommen d Weshalb hatte sie
dem Oberst von dein Fehlen der Papiere Kenntnis;
gegeben, da sie doch wußte, wie sehr er von ihm ge-
haßt wurde!
lind trotz alledem hätte der Oberst nicht das Recht
gehabt, ihn zur Rede zu stellen, ihm diese entehrenden
Worte zu sagen.
Rache! war jetzt der einzige Gedanke Rabe's.
Die Genugthuung, die er fordern zu dürfen glaubte,
wurde ihm verweigert, es wäre ihm eine unsägliche
Freude gewesen, hätte er Beide, Vater und Sohn, im
Duell nicderschießen können!
Er hatte sie immer gehaßt, so lange
er sic kannte, und je näher er sie kennen
lernte, desto glühender war sein Haß ge-
worden, er wußte, daß ihr ganzes Streben
darauf gerichtet war, ihn zu verderben.
Und die Angst vor den kommenden
Dingen trat hinzu, diesen Haß, dieses
Verlangen nach Rache zu erhöhen.
Wenn die unermüdlichen Nachforschungen
des Assessors mit Erfolg gekrönt wurden,
war er verloren, er wußte cs, er fühlte,
daß der Boden unter seinen Füßen schwankte,
aber er zögerte noch immer, diesen gefähr-
lichen Boden zu verlassen.
Der verhaftete - Amerikaner konnte in
jeder Stunde jenes gefährliche Geheimuiß
verrathcn, dessen Enthüllung ihn unrettbar
in's Verderben stürzte, die ehemalige Wär-
terin hatte auch schon mit einem Geständ-
nis; gedroht, und auf die Treue des Kam-
merdieners durfte Rabe sich ebenfalls nicht
verlassen.
Die beiden Letztereil schwiegen, wenn ihre
Forderungen bewilligt wurden, und der
Gefangene mußte zufrieden sein, wenn man
ihn aus dein Gefängnis; befreite.
Dazu bedurfte Nabe freilich Geld, viel
Geld, und um dieses Geld sich zu ver-
schaffen, hatte er jene Summe unterschlagen,
in der sicheren Hoffnung, daß die Gene
ralin den Betrug nicht entdecken, oder im
schlimmsten Falle, wie so vieles Andere,
verzeihen würde.
Die projektirte Verbindung mit Ella
v. Lossow sollte das auf den Sand gc-
rathene Schiff wieder in's breite Fahr-
wasser bringen, es war seine letzte Hoff-
nung gewesen, auf deren Erfüllung er mit
Zuversicht vertraute.
Der Baron v. Lossow hatte ihm sein
Wort verpfändet, eine glänzende Zukunft
lag verlockend vor ihm, und nun war das

Karl Laroche, k. k. Hosschiluspielcr.
Nach einer Photographie gezeichnet von C. Kolb. (S. 488.)
loading ...