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Die Hand der Nemesis.
Roman
von
Kwald Anglist König.
(Forschung.) (Nachdruck verboten.)
„Dann steht ja seiner Entlassung aus der Haft
nichts entgegen!" erwiederte Arabella, von deren Stirne
der Schatten nicht schwinden wollte.
„Wäre das wirklich der Fall, so würde er bereits
entlassen sein," fuhr Siegfried fort, „aber Scheinbeweise,
wie Sie vorhin es nannten, thürmen sich gegen ihn auf
und nöthigen mich, die Anklage aufrecht zu halten.
Die Geschworenen und die Richter werden aus diesen
Beweisen die Ueberzeugung seiner Schuld gewinnen und
ihn verurtheilen, und deshalb kann nur Eins ihn retten,
die Entdeckung und Ueberführung des wirklichen Ver-
brechers."
Arabella sah ihn starr an, Entsetzen und fieberhafte
Erwartung spiegelten sich in ihren tief-
blauen Augen.
„Und auch dieser Verdacht fällt auf den
Bruder meiner Mutter?" fragte sie, nach
Äthern ringend.
„Ich kann diese Frage nicht beant-
worten, ich bin darüber selbst noch im liu-
klaren. Eines entspringt aus dem Anderen,
und ein Verbrechen, welches ungesühnt
bleibt, führt oft zu einer ganzen Kette von
Verbrechen."
„Es wäre entsetzlich!"
„Und glauben Sie denn, Bella, daß nur
diese Untersuchung Vergnügen bereite? Sie
ruht ans mir wie ein drückender Alp, aber
ich muß meine Pflicht erfüllen, so schwer
es mir auch werden mag. Ich muß es,
sollte ich dabei auch das eigene Lebensglück
opfern! Und ist es nicht eine Forderung
der Gerechtigkeit, daß jedes Verbrechen ge-
sühnt werden muß?"
„Gewiß, aber wäre es nicht besser ge-
wesen, wenn damals schon —"
"Zugegeben, Bella, besser gewiß, denn
weitere Verbrechen wären dadurch verhin-
dert worden. Aber weil es damals nicht
geschah, soll der Verbrecher auch jetzt straf-
los ausgehen und statt seiner ein Schuld-
loser verurtheilt Werden?"
„Nein, Siegfried," erwiederte Arabella,
ernst zu ihm aufblickend, „das wäre eine
gen Himmel schreiende Ungerechtigkeit."
„lind die Verantwortung würde auf
mich znrückfallen," sagte Siegfried ernst.
„Mein Gewissen würde mir den Vorwurf
nicht ersparen, es habe in meiner Macht
gelegen, dein Schuldlosen Freiheit und Ehre
zurückzugeben, aber egoistische Rücksichten —"
„Dieser Vorwurf wäre furchtbar!" siel
Arabella ihm nlls Wort. „Wie aber kann
ein Schuldloser verurtheilt werden, wenn

der Richter, der die Untersuchung geführt hat, von der
Unschuld desselben überzeugt ist? Ich verstehe das nicht,
ich meine, in diesem Falle müsse der Angeklagte in
Freiheit gesetzt und die Untersuchung geschlossen werden."
„Die Persönliche Anschauung des Richters hat vor
dem Gesetze keine Giltigkeit, er muß nach den Beweisen
richten, die ihm vorliegen. Ich sagte Ihnen schon, die
Verhaftung jenes Mannes sei auf Grund anscheinend
überzeugender Beweise erfolgt, jene Beweise müssen ent-
kräftet werden, und das kann nur durch die Entlarvung
des wirklichen Thüters geschehen."
Arabella war in Nachdenken versunken stehen geblie-
ben, die Schatten des Unmuths umwölkten noch immer
ihr schönes Antlitz.
„Hätte Georg nicht behauptet, der Kammerdiener
habe ihm die Papiere geraubt, hätte er auf diese Pa-
piere nicht so großen Werth gelegt, so würde der Ver-
dacht gegen den Bruder meiner Mutter nie in Ihnen
erwacht sein," sagte sie nach einer Weile. „Daß Sie
jetzt an diesem Verdacht festhälten, ist ja natürlich —"

„Zürnen Sie mir wirklich, Arabella?" fragte Sieg-
fried in bewegtem Tone.
„Ihnen? Nein! Aber ich denke mit Entsetzen an
die Möglichkeit, daß dieser schwere Schlag meine theurc
Mutter treffen könne."
„Und Wenn es geschähe, so wird sie auch ihn über-
winden, sie wird darin das gerechte Walten der- Vor-
sehung anerkennen und denen nicht grollen, die nur ihre
Pflicht erfüllten, indem sie den Schuldigen dem strafen-
den Arme der Gerechtigkeit überlieferten. Es thut mir
weh, Bella, daß Sie deshalb mir zürnen, daß Sie
glauben können, ich lasse durch persönliche Gründe mich
bestimmen, die Lösung dieses dunklen Räthsels zn su-
chen, aber selbst Ihr Groll kann und darf mich von
der Erfüllung meiner Pflicht nicht abhälten."
Arabella hatte die Augen zu ihm erhoben, ihr Blick
war ernst, aber er las keinen Groll in ihnen.
„Ich habe Ihnen schon gesagt, daß ich Ihnen nicht
zürne," erwiederte sie, „wie könnte ich es mich! In
Allem, was Sie thun, erkenne ich ja nur ein edles
Streben, und ich glaube Ihnen gerne, daß
Sie meiner thenrcn Mama den Schnurz
ersparen würden, wenn Sie es dürften."
„Ich danke Ihnen von ganzem Herzen
für diese Worte! Daß der Frieden dieses
Hanfes gestört, die Heiterkeit Ihrer Maina
getrübt werden könne, ist auch für mich
ein drückender Gedanke, aber denke ich da-
neben an die Seelenqnalen eines Schuld-
losen, der zn lebenslänglicher Zuchthaus-
strafe verurtheilt den Glauben an Gottes
Gerechtigkeit verloren haU dann müssen
alle Rücksichten, alle Persönlichen Wünsche
schweigen. Ich wäre Ihrer Achtung nicht
Werth, wenn ich nicht so dächte und handelte.
Sie werden schweigen, Bella, ich vertraue
darauf, ein unvorsichtig gesprochenes Wort
könnte mir die Lösung der schwierigen Auf-
gabe unmöglich machen."
Er hatte ihre beiden Hände gefaßt, und
sein Blick ruhte ernst und voll ans ihrem
schönen bleichen Antlitz, sie senkte verwirrt
die Wimpern und nickte znstinmiend.
„Ihnen gegenüber hielt ich cs für meine
Pflicht, Sic vorzubereiten," fuhr er fort,
„ich hoffte dabei nicht, in Ihnen eine Ver-
bündete zu gewinnen, denn was jener Mann
auch verbrochen haben mag, er bleibt ja
doch der Bruder Ihrer Mama. Und nun
werde ich Wohl scheiden müssen, Bella, so
schwer es mir auch fällt."
„Müssen?" wiederholte das Mädchen leise,
ohne den Blick zu erheben. „Was habe
ich Ihnen denn gcthan
„Hegen Sie wirklich keinen Groll gegen
mich?"
„Nein, nein, zweifeln Sie noch iiuiner?"
„Bella, jeder Pulsschlag meines Herzens
gehört Dir, Dir allein," sagte er mit beben-
der Stimme, „darf dieses Herz hoffen, das
erträumte, heißersehnte Glück zn finden?"


v. Scnestreh, Bisch»! von Regensburg. Nach einer Photographie gezeichnet von E. Kolb. (S. -162.)
 
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