Das Buch für alle: illustrierte Blätter zur Unterhaltung und Belehrung für die Familie und Jedermann — 11.1876

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Die Hand der Nemesis.
Roman
von
Givatd August König.
lF°rts-tzung.) verboten.)
Die Flasche war verschwunden, und nicht die Flasche
allein, auch das kleine Kästchen fehlte, in dem die wich-
tigen Dokumente lagen.
Er konnte und wollte im ersten Augenblick nicht
glauben, daß er bestohlen worden sei, hastig packte er-
den Inhalt der ganzen Kiste aus, die Papiere und die
Flasche fehlten, und auch nur diese allein, seine übrigen
Habseligkeiten waren noch alle vorhanden, sogar die
kleine Geldsumme, die er sich erspart hatte.
Wer konnte den Raub begangöll haben? Und wes-
halb hatte der Dieb es gerade auf
diese Papiere, und nur auf diese
allein abgesehen?
Der alte Alaun hatte ja immer
den Besitz der Papiere streng geheim
gehalten, er hatte nut Niemanden
darüber geredet, nie eine Drohung
ausgestoßen. Äer wußte denn, daß
er die Dokumente besaß?
Nur zwei Personen hatten es er-
fahren, Franz und Marianne, aber
diese Beiden waren den ganzen Abend
mit ihm zusammen gewesen, es war
gar nicht denkbar, daß sie den Raub
verübt haben sollten.
Joseph! Mit der Schnelligkeit des
Blitzes durchzuckte dieser Verdacht die
Seele des alten Mannes.
Was hatte den Kammerdiener so
spät noch in den Park geführt? Der
angebliche Hilferuf konnte ein er-
dichteter Vorwand gewesen sein. Aber
hatte Joseph von der Existenz jener
Papiere Kenntnis; gehabt? Georg
erinnerte sich Plötzlich, daß der Kam-
merdiener zugegen gewesen war, als
er mit Marianne und dein Kutscher
zuerst über die Dokumente gesprochen,
als er sie auf diese seine einstige
Hinterlassenschaft aufmerksam gemacht
hatte.
Er entsann sich dessen immer
deutlicher, und die Vermuthung, daß
Joseph der Dieb sein müsse, bestätigte
sich mehr und mehr in ihm.
Diesem verwegenen Spion war ja
das Schlimmste zuzutrauen, vielleicht
batte er sogar im Auftrage seines
Herrn den Raub ausgeführt.
Er erinnerte sich auch, daß der
Kammerdiener ihn ausforschen wollte,
ob er Ersparnisse besitze und wo er-
ste aufbewahre, es unterlag gar kei-
nen; Zweifel mehr, daß Joseph die

Dokuniente besaß, und der alte Mann war augenblick-
lich entschlossen, diesen Verdacht ohne Aufschub zu ver-
folgen.
Er kehrte sofort in das Schloß zurück, in der Ge-
sindestube war das Licht schon erloschen; aber der
Gärtner wußte, daß der Herr noch nicht zu Hause war,
und daß Joseph in solchen Fällen strengen Befehl hatte,
die Heimkehr seines Herrn zu erwarten.
Zitternd vor Aufregung stieg er die Treppe hinauf,
er wußte, daß er den Kammerdiener in dem Vorzimmer-
sand, welches neben dem Kabinet Rabe's lag.
Joseph war in der That in diesem Zimmer, den
Kopf ans den Arm gestützt saß er in einein Sessel vor-
dem Tische, und es schien fast, als ob er den Eintretcn-
den erwartet hätte, denn ein ironisches Lächeln umspielte
seine Mundwinkel, ein Lächeln, in welchen: sich die ganze
Bosheit seines Charakters offenbarte.

„Na? Haben Sie jetzt auch etwas Verdächtiges ge-
hört?" fragte er.
Der alte Mann war dicht an den Tisch heran-
getreten.
„Wo sind meine Papiere?" erwiederte er mit beben-
der Stimme.
„Ihre Papiere?" fragte der Kammerdiener erstaunt.
„Die Sie mir gestohlen haben!"
„Seid Ihr Plötzlich wahnsinnig geworden?" rief Jo-
seph entrüstet. „Sprecht die Beleidigung nicht noch ein-
mal aus, oder —"
„Oder?" fragte der Gärtner scharf.
„Oder ich werfe Euch hinaus!"
„Versucht das, aber ich sage Euch, es wird einen
Höllenlärm geben!"
Diese wenigen Worte verfehlten ihre Wirkung nicht,
Lärm mußte der Kammerdiener unter jeder Bedingung
zu verhüten suchen, damit die Generalin
von dein Vorgefallenen nichts erfuhr.
„Ich glaube wahrhaftig, Ihr seid
verrückt, Georg," sagte er achselzuckend.
„Fabelt da von gestohlenen Papieren,
die vielleicht nicht einmal existiren. Wer
wird denn bei Euch Papiere suchen, die
für einen Anderen Werth haben könnten!
Ein altes Wanderbuch, ein Geburts-
schein und einige Liebesbriefe — bah,
das ist an: Ende Alles, was Ihr je-
mals von Papieren besessen habt."
„lind ich sage noch einmal, Ihr
habt meine Kiste erbrochen und die
Dokumente heransgenommen," erwie-
dertc der Gärtner, dessen glühender-
durchdringender Blick unverwandt auf
dem Kammerdiener ruhte. „Ihr habt
es gethan, vorhin, kurz borden: ich
Euch begegnete; Ihr wußtet Wohl, daß
ich die Papiere besaß, in der Gesinde-,
stube habt Ihr es gehört."
„Ich habe nichts gehört, und wenn
Ihr wirklich davon gesprochen habt, so
habe ich nicht darauf geachtet," sagtc
Joseph, der fieberhaften Erregung des
alten Mannes eine eisige Ruhe ent-
gegen stellend. „Ihr habt viel ge-
schwätzt, Euer Geschwätz konnte mich
nie interessiren. In den Park bin
ich so spät noch gegangen, weil ich
einen Ruf hörte, und seid Ihr wirklich
bestohlen worden, so habe ich mich
auch nicht verhört. Dann waren's jeden-
falls zwei Diebe, von denen der Eiue
dem Anderen zurief. In der Nähe
Eures Hauses bin ich freilich nicht
gewesen, ich dachte, dort Würdet Ihr
selbst nachsehen, und später befremdete
es mich, daß Ihr. nichts gehört haben
wolltet."
Bei den ersten Worten sah Georg
den Kammerdiener starr an, er konnte
eine gewisse Wahrscheinlichkeit der Be-

Z. B. Brinkmann, Bischof Volt Mnnst'cr. Nach einer Photographie gezeichnet von E, Kolb. (S. 175.)
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