Das Buch für alle: illustrierte Blätter zur Unterhaltung und Belehrung für die Familie und Jedermann — 11.1876

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Die Hand der llcniesis.
Roman
von
Ewald August Lanig.
(Fortsetzung.) (Nachdruck verböte».)
„Jetzt wohnt sie bei einem alten Knasterbart, mit
dem sie sehr befreundet zu sein scheint," nickte der Vaga-
bund. „Hochmuth heißt der Kerl, na, ich werde schon
dahinter kommen. Hat Dein Mann Dienst?"
„Er muß gleich kommen."
„Er trinkt doch nicht?"
„Und das fragst Du, Hugo?"
„Na ja, eigentlich hab' ich kein Recht dazu, aber Du
bist meine Schwester, und wenn —"
„Ich hab' keinen Schutz nöthig," unterbrach die Frau
ihn; „Ware ich nur gesund, dann wollte ich mit meinem
Loose gerne zufrieden sein. Aber es
wird jetzt wohl bald besser werden."
„Ihr werdet unterstützt?"
„Wer hat Dir das gesagt?"
„Dein Mann hat Gold wechseln
lassen."
Die Kranke sah ihren Bruder er-
schreckt an.
„Wie spricht man darüber?" fragte
sie erregt. „Hat Jemand eine Ver-
muthung geäußert?"
„Mir ist gesagt worden, er bekomme
eine Unterstützung von einem Verein,
aber ich glaub' nicht daran," crwie-
derte Siebet, während sein Blick for-
schend das blasse Antlitz streifte.
„Und weshalb zweifelst Du?"
„Weil man einen armen Teufel
nicht mit Gold unterstützt."
„Du sollst und darfst nicht zweifeln,
Hugo," sagte die Frau in bittendem
Tone, „Robert hat kein Unrecht be-
gangen."
„Hm — woher hat er das Gold?"
Die Frau wandte das Antlitz ab; die
Wahrheit wollte sie nicht sagen und
in der augenblicklichen Verwirrung
suchte sie vergeblich nach einen: glaub-
würdigen Vorwande.
„Er hat es redlich erworben," cr-
wiederte sie.
„Du verbirgst mir etwas, Helene!"
„Was sollte ich Dir verbergen?
Wenn ich Dir sage, daß mein Mann
meine volle Achtung und Liebe besitzt,
so kann Dir das doch genügen."
Der Vagabund schüttelte den Kopf,
seine glasigen Augen ruhten noch immer
forschend auf dem bleichen Antlitz, das
jetzt noch die unverkennbaren Spuren
der früheren Schönheit zeigte.
„Du weißt vielleicht selbst nicht,
wofür er das Geld erhalten hat,"

sagte er; „wer ein solches Amt hat, ist mancher Ver-
suchung ausgesetzt —"
„Wenn Du ihn kennen lernst, Hugo, wirst Du nicht
mehr an seiner Ehrlichkeit zweifeln."
„Na, ich will's abwarten!"
„Wirst Du bei Deiner Fran wohnen?" fragte die
Kranke nach einer Pause.
„Bei der?" fuhr Siebet auf. „Nein, wahrhaftig
nicht, so oft ich sie sehe, muß ich ja daran denken, daß
sie mich in's Unglück gebracht hat. Ich will nur wissen,
was hinter der Geheimnißkrämerei steckt!"
Er brach ab, die Thüre wurde in diesem Augenblick
geöffnet, und der Schließer blieb, als er den Fremden
sah, betroffen auf der Schwelle sieben. Die Bemerkung
seiner Frau, daß der Fremde ihr verschollener Bruder
sei, schien ihn auch nicht angenehm zu berühren, Miß-
trauen und Unmuth spiegelten sich deutlich in seinen
Zügen, als er zögernd die ihm gebotene Hand annahm.

„Eure Frau wird auch nicht sehr erfreut sein,"
sagte er.
„Laßt meine Frau aus dem Spiel," erwiederte Siebel
barsch, den der prüfende Blick, mit dem er gemustert
wurde, ärgerte; „ich will nicht an sie erinnert sein, und
Ihr könnt doch auch kein Interesse daran haben."
Schmalz hatte seine Mütze ans den Tisch geworfen,
die Kinder hingen sich an ihn und das Kleinste ruhte
nicht, bis er cs auf den Arni nahm.
„Wie es Euch in der Fremde ergangen ist, braucht
inan wohl nicht zu fragen," sagte er, „man sieht's Euch
ja an—"
„Oho!" fiel Siebel ihm in's Wort. „In Eurer
schäbigen Uniform seht Ihr auch nicht besser aus, wie —"
„Schmäht des Königs Uniform nicht!"
„Ich denke nicht daran, aber ich möchte Euch doch
darauf aufmerksam machen, daß zu diesem Rock ein Beutel
voll Gold schlecht paßt. Ihr macht Euch dadurch leicht
verdächtig."
„Und wer hat Euch gesagt, daß ich
den Beutel voll Gold habe?" fragte
der Schließer wild auffahrend.
„Habt Ihr nicht Gold wechseln
lassen? Seht Eure Frau nicht so
grimmig an, sie hat mir nichts ver-
rathcn, im Gegentheil, sie nimmt Euch
in Schutz, aber ich sehe schärfer, und
cs gefüllt mir nicht, wenn ein Mann
Eures Standes in den Kneipen mit
Gold zahlt."
„Also der Wirth hat geplaudert?
Könnt' inir's ja denken, daß Ihr an
der Kneipe nicht vorbei gehen würdet!"
„So fangt doch nicht gleich in der
ersten Stunde Streit an," bat die
Kranke, „mein Bruder meint es ge-
wiß gut, Robert —"
„Bah, er gönnt mir nicht, daß ich
mehr habe wie er!"
„Habt Ihr cs ehrlich verdient, dann
gönne ich es Euch von ganzem Herzen,"
erwiederte Siebel ernst; „aber ich fürchte,
Ihr setzt Eure Existenz anf's Spiel,
und davor wollte ich Euch warnen."
„Warnt lieber Eure Frau!"
„Meine Frau?"
„Jawohl, ich glaub', sie hat kein
giltes Gewissen."
Der Vagabund sah seinen Schwager
eine Weile starr an, dann ließ er sich
auf einen Stuhl nieder.
„Kein gutes Gewissen," wiederholte
er, „das glaub' ich selbst! Ich sagte
vorhin meiner Schwester schon, ich müsse
das Gcheinmiß erforschen, ich müsse
wissen, woher und wofür meine Frau
das Geld erhalte. Was wißt Ihr
davon?"
„Ich? Gar nichts! Habt Ihr einen
gewissen Ferdinand Halm gekannt?"
„Nein."


Burghard Freiherr t>. Scharlemer-Alst. Nach einer Photographie gezeichnet von C. Kolb. (S. 223.)
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