Beck, Paul [Hrsg.]; Hofele, Engelbert [Hrsg.]; Diözese Rottenburg [Hrsg.]
Diözesan-Archiv von Schwaben: Organ für Geschichte, Altertumskunde, Kunst und Kultur der Diözese Rottenburg und der angrenzenden Gebiete — 16.1898

Seite: 113
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Grtzel und Äraft in Min.

Von vr. N. Paulus in München.
Unter vorstehender Ueberschrift hat vor
einiger Zeit Pfarrer Keidel in den
„Württembergischen Vierteljahrsheften für
LandcSgeschichle", N. F., Jahrgang IV
(1895), S. 127 —140, eineil lesenswerten
Aufsatz veröffentlicht, dem ich im folgenden
einige Ergänzungen und Berichtigungen
beifügen mochte. Es handelt sich um das
angebliche Auftreten des Ulmer Pfarrers
Konrad Kraft gegen den bekannten
Ablaßprediger Johann Tetzel. Die
älteste Quelle, welche hierüber berichtet,
ist eine Jubelpredigt des Ulmer Pfarrers
Konrad Dietrich vom Jahre 1617.
Darin heißt es:
„Da Tetzel seinen auSgelegten Ablaß-
kram allhie in diesem Münster öffentlich
ansgeschriecn und männiglich mit prächtigem
hochtrabendem Prahlen seiner Gewohnheit
nach denselbigen einznkaufen vermahnt, unter
anderem auch diese Worte gebraucht: Jtz,
itz ist die Zeit der Gnaden vor der Thür.
Ihr Weiber verkauft eure Schleier und
Gürtel und kauft den Ablaß ein, soll wider
ihn, wie die Alten erzählen, ausgetreten
sein D. Konrad Kraft, damaliger Pfarrer
allhie, und in seiner Gegenpredigt von dieser
Kanzel gesagt haben: Liebe Christen, cs
ist ein Lockvogel aufgestandcn, der euch gern
das Geld ans dem Säckel schwatzen wollte.
Glaubt ihm nicht, liebe Freunde; Christus
allein ist unser Ablaß und Versöhnnngs-
opfcr, so für unsere Sünden genug gethan
und bezahlt hat."
Die Richtigkeit dieser Nachricht wollte
Keim nicht beanstanden, „weil die Ueber-

lieferung so nahe znm Faktum hinanreicht".')
Die Ulmer Tetzelepisode ist denn auch bis
in die neueste Zeit schon oft als wahre
Begebenheit erzählt worden, und wie in
so manch' anderen protestantischen Kirchen,
so wird auch heute im Ulmer Dom ein
alter Opferstock gezeigt, der nicht selten
für Tetzels Ablaßkasteu ausgegeben wird.
Viel nüchterner wird die ganze Angelegen-
heit von Keidel beurteilt. Der württem-
bergische Forscher kommt zu dem Schlüsse:
„Cs scheint mir immer noch das die wahr-
scheinlichste Lösung der Frage zu sein, daß
der Sage von einer scharfen Polemik Kon-
rad Krafts gegen den anwesenden I. Tetzel
ein ziemlich bescheidener Antagonismus
Ulrich Krafts gegen den Ablaßnnfng
zu Grunde liegt." -— Allein selbst letztere
Vermutung ist durchaus unbegründet.
Daß Konrad Kraft gegen Tetzel
nicht ausgetreten sei, steht -außer allem
Zweifel, da der sächsische Ablaßprediger
zur Zeit Konrads niemals in Ulm ge-
wesen ist. K. Kraft wurde am 14. April
1516 zum Pfarrer ernannt, und hat im
August desselben Jahres sein Amt ange-
tretcn. Zn jener Zeit, seit Ostern 1516,
war Tetzel in Meißen als Subkommissär
ArcimboldS für den Ablaß der Peterskirche
thätig. Nach Süddentschland ist er in der
zweilen Hälfte des Jahres 1516 nicht
gekommen. Ebensowenig kam er nach
Schwaben in den folgenden Jahren, nach-
dem er anfangs 1517 in die Dienste des
Mainzer Erzbischofs Albrecht von Branden-
burg getreten war. Seine Thätigkeit als Ab-
laßprediger blieb auf die Kirchenprovinz
Magdeburg, ans die Diöcese Halberstadt und
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