Beck, Paul [Editor]; Hofele, Engelbert [Editor]; Diözese Rottenburg [Editor]
Diözesan-Archiv von Schwaben: Organ für Geschichte, Altertumskunde, Kunst und Kultur der Diözese Rottenburg und der angrenzenden Gebiete — 16.1898

Page: 192
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niir eine große Menge der kostbarsten Stiche
vom ersten Zustand, besonders die Blatter von
und nach van Dyk, von P. Pontius ge-
stochen, sondern aus der andern Seite war immer
eine wertvolle, historische Beschreibung in Kürze
angebracht. Bon berühmten Hausern, wie Hnbs-
burg, Este und Mediei, allen Päpsten, griechischen
Helden und Weltweisen n. s. w. waren ganze
durch mehrere Folianten laufende Serien vor-
handen. Diejenigen Blätter, welche in den
Reihenfolgen abgängig waren und der kunstver-
ständige, unermüdete Sammler nirgends mehr
nuftreiben konnte, suchte er selbst, ein vorzüglicher
Zeichner und Dilettant im Kupferstcchen, mit
seinen eigenen Handzeichnungen nach dem Original,
welche mit der Kühnheit eines Meisters hin-
schraffiert sind, zu ersetzen. Wohin wohl diese
Kupferstichsammlung gekommen sein mag? Ich
vermute, daß einige wenige Portrütsnmmelbände,
welche noch in der (nicht fortgesetzten) Ravens-
burger Stadtbibliothek vorliegen, einst zu dieser
Sammlung gehörten. Außerdem hatte sich dieser
bedeutende Kapuzinermönch durch eine umfassende
interessante N aturalien s n in m l u n g, welche
zu Beginn der 1780er Jahre in den Besitz des
Cistereienserreichsstifts Salem gekommen war,
bekannt gemacht. — Nach derselben Quelle (a. a. O.
S. 729) besaß die Bibliothek des benachbarten
Gotteshauses Wein gart eil O. 8. IZ. von den
ältesten Kupferstichen, so von Israel v. Meckennen,
Hans Scheufclein, Martin Schongauer, Michael
Wohlgemutst, Aibr. Dürer, Albr. Altdorfer, Jobst
Ammann, Tob. Stimmer, Heinr. Aldegrever, Hans
Baldung Grün, Hans und Heinr. Lautensnck re. die
prächtigste Sammlung! Wieder fragen wir, wo-
hin auch diese gekommen sein mag? (Zn die
,kgl. Privatkupferstichsammlung?) k. Uecll.
Briefkasten.
Nach 8. Die zeitgenössische Litteratur über die
Kunstrichtung des 18. Jahrh., speziell in Schwa-
ben, nach der Sie fragen, ist ungemein dürftig.
Voll Zeitschriften enthält der von dem Weltpriester
und nachmaligen Professor der Geschichte in Lands-
hut, Jos. Milbiller, herausgegebene und mo-
natlich in München, zuletzt im Verlage von Jos.
Alois v. Crätz erschienene „Zuschauer in
Bayern" einiges, brachte es aber bloß auf vier
Jahrgänge. Am meisten gab die kurz vor dem
Eingehen des „Zuschauer" von dem bekannten
Geistlichen Rat und Schriftsteller Jos. Seb.
v. R ittersh ausen gegründete, in den Jahren
1781—86 erschienene, heutzutage ungemein selten
gewordene Zeitschrift „Deutschlands acht-
zehntes Jahrhundert", als deren Verleger
vom vierten Jahrgang an die „typographische Ge-
sellschaft" in Bregenz zeichnete. Rittershausen
ist aber ein Gegner des Spätrokoko. Scharf
zieht er gegen das „unnatürliche Muschelwerk"
desselben zu Felde, mit welchem namentlich die
Augsburger Meister „den ganzen Geschmack in
Deutschland verdorben haben". „In den neuesten
Zeiten" — führt er fort — „folgten der Muschel-
geschmack und die Schneckenhäuser: wo man alle
Schönheiten des Altertums gänzlich abwürdigte,

und nicht nur anstatt der Verzierungen lauter
Meermuscheln hinhängte, sondern auch sogar Fuß-
gestelle und Säulen und Gesimse, und alles, was
die schwersten Lasten trug, in Muscheln und
Schnecken zwang, so daß jedes Gebäude, wenn es
nicht durch andere verborgene Stützen gehalten
wurde, natürlicheriveisezusattimenstürzen mußte, und
nicht nur Baumeister und Bildhauer haben sich dieser
Eharlatanerie bedient, sondern auch Maler und
Kupferstecher. Sie setzen alles in Muscheln, und
aus den Heiligen Gottes machten sie lauter Kinder
des Neptuns." Das Blatt enthält weiter im
zweiten Jahrgang aus Ritters Hause ns Feder
frisch geschriebene Nachrichten über Künstler
und K u n st w e r t e in S ch w ab§ n, voran außer
allgemeinensBemerkungen eine beachtenswerte Be-
schreibung der fürstlichen Galeriö zu Kempten,
dann über die vom Cistercienserstift Salem aus-
gehende Reform der „inneren Kirchenverzierung
in antikisierender Richtung", eine Studie über den
Augsburger Kupferstecher Johann Elias Haid,
im dritten Jahrgang die Schilderung einer Kunft-
reise »ach Wie», darunter Mitteilungen über „den
Tod in Landsbcrg", über „Baron Götz" (den
damals in Augsburg weilenden Mater und Kupfer-
stecher), und i»r fünften Jahrgang noch Notizen
über die Kunstsammlungen des HE. v. Woch er in
Lefis in Vorarlberg und eine Beschreibung der
„Malereien im Palaste zu Hohenems, dem
Stammhause der Borromäer". Auch in seiner
späteren Zeitschrift: „Die pfalzbnierische Muse für
bas Jahr 1786", der vormaligen „Münchener
gelehrten Zeitung", wendet sich R i t te r sst a us e n
gelegentlich gegen den Zopf, zeigt Christian
Winktgls, welcher nebenbei bemerkt, auch einiges
radierte, aus Eichstädt (nicht Weit oder Winkler!)
Altarblätter: „Der Engelssturz, der sterbende
Joseph" in die Stiftskirche zum heiligen Cyriakus
von Wiesenfteig, sowie die Erschaffung des
Menschen (Adams) nach dem Prämonstratenser-
kloster Roth an. Auch dem Klassizismus ist er
nicht hold. „Nach den Verheerungen, welche der
närrische Muschelgeschmack angerichtet, wendet man
sich" — sagt er — „nunmehr einer mißverstan-
denen Antike zu, streicht die Häuser ganz
schneeweiß an, so daß man voll der Zurück-
strahlung dos Sonnenlichtes ganz geblendet wird
und fängt hie und dort schon an, Schildereien
herabzuschlagen." Dabei tritt er für Beibehal-
tung der Fassadenmalereien ein. —cll.
Lur in?fl. Beachtung.
Den verehelichen historischen Vereinen, Zeit-
schriften re., welche uns im Tauschverkehr ihre
Veröffentlichungen fahrw eise senden, zur Nach-
richt, daß fortan die Zusendung des „Diö-
cesanarchivs" ebenfalls jahrweise, also des
Jahrganges 1899 um die Mitte Dezember 1899,
erfolgt. — Bei diesem Anläße werden zugleich
verschiedene Zeitschriften, welche mit ihren Tausch-
sendungen immer noch im Rückstände find,
an baldige Erledigung dringend erinnert.
Die Red.

Mit einer Beilage: Inhaltsverzeichnis.

Stuttgart, Buchdruckcrei der Akt.-Ges. „Deutsches Volksbkatt".
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