Beck, Paul [Editor]; Hofele, Engelbert [Editor]; Diözese Rottenburg [Editor]
Diözesan-Archiv von Schwaben: Organ für Geschichte, Altertumskunde, Kunst und Kultur der Diözese Rottenburg und der angrenzenden Gebiete — 16.1898

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Seele des Judas nimmt, während letzterer
noch in der unmittelbaren Nähe Gottes
war. Wie dies die Malerin und Kupfer-
stechern: Schwester Jsabella Ptnini aus-
gedrückt hat, habe ich im „Diöcesanarchiv von
Schwaben", 1893, S. 76, mitgeteilt. Der
Teufel zieht dem Judas Jskariot, während
er am Tische sitzr, die Schuhe aus. Der
Grund dieser Darstellung wurde daselbst
nach Buch Ruth 4, 7 erklärt. Nicht
minder wichtig ist für die christliche Iko-
nographie die Verwendung der Figur des
Judas Jskariot in der rnmiücLlio vi-
tiornm oder peccntorum. Herr Detzel
hat dies übergangen, weshalb hier davon
einiges gesagt werden muß. Der Bcicht-
spiegel in Bildern (Kupferstichen) knüpft
au die Kreuztragung Christi (toliil peccatm
rnrmcli) an. Auf dem Kleuze lesen wir
die Namen der Laster:
superbin.
vnna Alorin.
nmUitio.
irn. in§rntitu6o. nmor sui. simonia.
lromicickium.
Zulu.
invicüa.
luxurin
Ir^pocrisis.
nccickia (VerkleinernngSsucht).
dlnspstemin.
oppressio pnuperum.
Ueber diesem Bilde ist ein Baum mit
sechs Aesten ohne Blätter abgebildet mit
der Beischrift: sex peccnla in Zpirilum
Lanalum. Daß dieser entlaubte Baum
der Feigenbaum ist, der keine Früchte trug,
und welchen Jesus Christus deshalb ver-
fluchte, Matth. 21, 19, unterliegt kaum
einem Zweifel. Er wird als Symbol des
Judentums erklärt, wozu die Stelle bei
Lukas 13, 6—9 Veranlassung giebt. An
demselben Feigenbaum soll sich JndaS, der
Sohn Simons von Kariot, erhängt haben.
Die Mystiker, welche den genannten Beicht-
spiegel in Bildern komponierten, gebe» von
dem entlaubten Baume mit den sechs
Aesten folgendes Bild. Am Fuße des-
selben erschlägt Kain den Abel (Beischrift
mnior est inic^uitns men ete. Genes. 4.
Am Stamme des Baumes hängt Judas
Jskariot, den Aesten sind folgende Namen
beigelegt, welche von der Krone an ab-
wärts in dieser Ordnung sich folgen:

clesperntio.
impu^nntio UAnitne
veritntis.
odstinntio.

invickentin lrnternne
Arntiüentionis.
prnesumtio.
tlnnlis impoeniten-
tin.

Aus den Bilder-Katcchismen kam die
Darstellung des erhängten JndaS Jskariot
schon im 14. Jahrhundert außen an die
Portale der Kirchen. Das geschah, als
die Mystik am Oberrhein blühte. — Auch
die monumentale Kunst hat man in den
Dienst deS Bilder-KatechiSmus genommen.
Eine der interessantesten Darstellungen des
Judas Jskariot aus jener Zeit findet sich
am Ueberlinger Münster außen an der
sogen. Ehethüre (weil hier der Gegensatz
vom Alten und Neuen Testamente — was
man Ehe nannte — abgebildet ist). Es
ist dies die letzte Thüre des Langhauses
gegen den Chor hin auf der Epistelseite.
Franz Laver Kraus in den Knnstdenk-
mälern des Gr. Baden, Band 1, S. 601,
hat jene Darstellung total mißverstanden,
weshalb hier im Anschlüsse an das, was
Detzel Band 1, S. 575 ff. mitteilt, ein-
gehend von dem Ueberlinger Portal ge-
sprochen werden muß. F. T. KranS schreibt
I. c.: „Neben dem Portal — spätgotische
„Statue des hl. Johannes Baptista mit dem
„Lamme sehr verwittert, eine Steinskulp-
„tnr von vorzüglicher Charakteristik. Ihr
„gegenüber eine andere Steinstatne, ein an
„einen Baum geketteter nackter hl. Seba-
stian, vielleicht beide noch 14. Jahrh."
Diese zuletzt genannte Statue ist kein
hl. Sebastian, sondern der Judas Jskariot.
Die ganze Komposition — Gegenüber-
stellung — des Vorläufers Christi und
seines Verräters hat auf den hl. Seba-
stian gar keinen Bezug. Auf der heraldisch
rechten Seite — Evangelienseite — steht
der hl. Johannes der Täufer, ihm gegen-
über ist an einen belaubten Baum, der
Früchte (Aepfel) hat, mit Stricken um die
Brust, an den Händen und an den Füßen
der bärtige nackie Judas Jskariot gebun-
den. Unter ihm sieht inan einen leeren
Wappenschild (sollte mit dem Wappen des
Judentums oder des alten Testamentes
bemalt werden). Unter dem leeren Wappen-
schilde steht als trauerndes Weib die Sy-
nagoge oder die Vertreterin deS alten Ge-
setzes. Das Gegenstück dazu fehlt, d. h.
wurde entweder nicht vollendet oder in
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