Beck, Paul [Editor]; Hofele, Engelbert [Editor]; Diözese Rottenburg [Editor]
Diözesan-Archiv von Schwaben: Organ für Geschichte, Altertumskunde, Kunst und Kultur der Diözese Rottenburg und der angrenzenden Gebiete — 19.1901

Page: 144
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Am 26. Okt. abends um 9 Uhr sind in
dem teils uns, teils dem Kloster St. Georg
in Villingen gehörigen Pfarrdorfe Ingol-
dingen drei Söldhänslein abgebrannt,
welche von einem Erzbösewicht und voll
gesoffenen Schneider angezündet worden
sind. Dieser hat sofort bei seiner Am
Heimkunft mit seinem Weib angesangen zu
necken und ist daraufhin in der Wut mit
dem brennenden Lickt in den Tennen ge-
laufen, hat sofort d e brennende Kerze mil
allem Fleiß an das Stroh hingehalten.
Mithin sind erstlich sein eigenes und dann
noch drei andere Häuser sämmerlieb abge-
brannt, worauf er allsogleich echappiert ist.
1755: Im Monat Juni geschah leider,
daß die Zieglerin in dem Slist Bnchan-
schen Pfarrdorfe Kappel ihr kleines
Wiegenkind gesäugt und gleich darauf mit
einem Beil jämmerlich erschlagen hat. Sie
wurde eingezogen, aber nachdem man ex
retroactm erfunden, daß sie ein Narr,
wilde: um entlassen.
Den 28. Juli wurde des sog. Sachsen
Marlins Bibi ans dem uns gehörigen
Psaridors A l l m e n s w e i l e r od ^rave3
8U3picione8 8uper puncto marine in
Sck. eingezogen; sie gab sich immer für
unschuldig und weil man mit genügsamen
Proben nit hat anfkomnnn können, ließ
man zwei oder drei conmlia stellen, ob sie
nck torturnm qualifiziert feie, welche con-
8ilin dann dahin ausgefallen sind: ^uock
itn. Darauf hat man sie den 26. August
ans den Block gelegt und ihr 20 Streich
nur Spießgerten hinansgehanen. Während
dieser Tortur schrie sie nichts anderes als:
„O du mein Jesu! du weißt, daß ich un-
schuldig bin; ich kann einmal nicht be-
stehen. O du heiligste Seel' Jesu, stärke
mich; ich opfere dir diese Schmerzen ans
in Bereinigung deiner schmerzlichsten Geiße-
lung" re. und so die ganze Tortur hin-
durch. Nach ungefähr vier oder fünf
Tagen wurde sie abermals vorgenommen
und zum Geständnis ungehalten, auch die
praeparatorin zur vorigen Tortur gemacht.
Weil sie indes ans dem negative» fest be-
harrle und die Tortur völlig ansznstehen
sich anerboten, so wurde sie prae8tito
juramento 6e non vinckicnncko entlassen
und mithin für unschuldig erklärt. Das
war also schon — gottlob — eine mildere

! Prap s und wird hoffentlich der letzte
Hlxenprozeß zu Sch. gewesen seinl Es
wäre freilich besser gewesen, ein ärztliches
Gutachten als ein juridisches einzuziehen!
Die meisten der Hexerei verdächtigten
Frauenspersonen litten entweder an Hysterie
und dergl. oder an Altersschwachsinn und sind
i deren Aussagen eben für Sinnestäuschungen
(Hallncinationen re.) anznsehen. „Die
meisten angeblichen Hexen beginnen ja ihr
Unwesen zur Zeit der Entwicklung und
erreichen das höchste Stadium zur Zeit
des Anfhönns der weiblichen Blüte. Daß
in diesen Jahren beinahe alle Personen
des weiblichen Geschlechts in einem orga-
nisch oder nervös aufgeregten Zustande
sich befinden und daß manche Frauens-
personen zur Zeit der monatlichen Regeln
in einen an Wahnsinn grenzenden Zustand
verfallen, ist eine bekannte Sache, um
welche Dinge allerdings die alten Herren
Kriminalisten sich wenig gekümmert zu
haben scheinen."
Den 26. Ang. ist von ehrlosen Leuten
^ bei des sogen. Schreiner Peters Hans in
i St. Veits Garten ein Kind von ungefähr
drillhalb Jahren ansgesetzt worden. Weil
nun dieses Kind, so ein Knab und früh
erbärmlich angefangen hat zu schreien, so
ist man gleich zugelaufen und hat den Schatz
gehoben. Es war dies Kind ehrlich ge-
kleidet, hatte ein silbernes Zeichen an-
hängen und scheint, daß sein Vater kein
Bauer sein mußte. In seiner ro:en Tasche
fand man einen lateinischen Zettel, inhalt-
lich dessen konstatieret ward, daß dieses
exponierte Kind unter dem Namen Anto-
nius nach katholischem Branche getauft
worden, und es zu gn'er christlicher Aus-
erziehring rekommandiert werde mit dem Ver-
sprechen, daß man das Kind opportune» tem-
pore wiederum abfordern und das Kostgeld
wie auch anderes richtig abführen werde. Es
hat ?. Großkeller dieses arme Kind unserem
Klosterbäcken und seiner Frau, weil diese
ohnedem keine Kinder und ehrliche Mittel
haben, zur Ednkation übergeben, welche
dann die größte Freude daran haben, es
recht proper kleiden und mehr als ivenn's
ihr rechtes Kind wäre, ans dasselbe ver-
wenden. Tie Sprache des Kindes ist
oberländisch, als e. §. „Hnß" anstatt
Haus, nfi, abi statt ans und ab n. s. w.

Stuttgart, Buchdruckerei der Akt.-Tes. „Deutsches Volksblatt".
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