Beck, Paul [Editor]; Hofele, Engelbert [Editor]; Diözese Rottenburg [Editor]
Diözesan-Archiv von Schwaben: Organ für Geschichte, Altertumskunde, Kunst und Kultur der Diözese Rottenburg und der angrenzenden Gebiete — 21.1903

Page: 160
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fünf oder sechs Tischen mit 40 und mehr Gedeckein
Es ist bekannt, daß ehenmls die Feste am Hofe
von Württemberg überaus glanzvoll waren. Aber
seit einigen Jahren hatten sie aufgehört." In
der zweiten Periode seiner Ncgierungszeit (1770
bis 1793) hatte sich Herzog Karl in der Hofhal-
tung bekanntlich aufs Sparen gelegt; inan tadelte
ihn deshalb, daß er nicht auf eine seiner Würde
gemäße Art lebe und nicht ciniiial Fremden zu essen
geben konnte, ohne eine außerordentliche Mahlzeit
nnzustellen ri. s. w. „Die alten, hohen Hofbeamten
waren nicht mehr. Das Personal fehlte, und
doch wollte man die größten Feste geben. Der
Herzog wollte alles selbst tun und kam mit sehr
übertriebener Höflichkeit morgens zum Großfürsten,
um denselben nach seinen Befehlen zu fragen,
welcher natürlich alles nnnahm, was er vorschlug.
Erst dann ließ mnn eine Menge Fremder, Damen
und Herren vom ersten Range, zur Tafel laden,
doch bei einigen kamen die Hoffouriere erst an,
wenn die Tafel bereits begonnen hatte. Schon
an den Tafeln zweiter Ordnung wartete die
Dienerschaft sehr schlecht auf, so daß eine Dame
sich gegen de» hinter ihr stehenden Lakai wegen
seines linkischen Wesens beklagte. Ach, nehmen
Ihre Gnaden es nicht übel, erwiderte der Lakai,
ich bin nur ein armer Schneider, und nur sind
nur erst seit ein paar Tage» für diese Zeit an-
genommen. Es war dies Frau v. Grosschln g,
die Geinahlin des französischen Gesandten, der
mein alter Freund gewesen war. Die Verwirrung
war allgemein und die Fremden beschwerten sich
bitter darüber. Ich hatte keine Ursache dazu."
Und — doch betrug der Aufwand für alle die
Schauspiele, Opern, Bälle und Jagden, die ans
Anlaß dieses großfürstlichen Besuches veranstaltet
wurden, gegen vierthnlb Tonnen Goldes ( — 345000
Gulden); der alte Geist des verschwenderischsten
Luxus war bei dieser Gelegenheit wieder in dem
Herzog erwacht! „Die Prinzen kamen mittags und
abends und machten auch die Landpartien mit.
Der Hochmut des Herzogs machte einen unange-
nehmen Eindruck und der Großfürst machte sich
häufig darüber lustig Die letzte» Tage war der
Herzog umgänglicher. Er wollte gern scheinen,
als halte er einen großen Militärstnnd, da er sich
viel damit beschäftigte. Als der Großfürst eines
Morgens den Wunsch äußerte, auf die Parade zu
gehen, die aus einem Gardebataillon bestand, so
begleitete ihn der Herzog, wiewohl er schon im
Hofkleid und in seidenen Strümpfen war, und
kommandierte selbst, indem er, mit einein kleinen
Hut unter dem Arm und im braunen Rock, vor
diesem Bataillon hermarschierte. In den Gemächern
waren zwei verschiedene Garden in Reihe und Glied
aufgestellt, und zwar im Vorsaal des Speisezim-
mers in zwei Reihen. Die eine Hälfte war die
Leibgarde, die andere die Leibjäger, alle sehr gut
gekleidet. Die Leibjäger wurden zu gleicher Zeit
noch zu andern Geschäften verwendet, z. B. die
Schüsseln zu tragen, worauf sie dann ihren Posten
wieder einnahinen; es waren aber die vollstän-
digeil Korps jedes 20—30 Mann stark. In dem
Saale selbst standen an der Tür zwei Wachen
von der.Nobelgarde, welche aus sieben Mann be-
stand. Der Großfürst nannte daher diese ganzen
Korps Musterprobcn. Das einzige, welches wirk-
lich prächtig ausfiel auf dem Lustschloß Solitude,

war das Jagdfest. Zum Schießen des Wildes
hatte man ein zeltartiges Haus errichtet, einem
LusthauS oder Jagdpavillon gegenüber, das an
einem kleinen See lag, über welchen wir auf
Schiffen fuhren. (Es war dies wohl im Jagd-
park der Solitude das Bärenschlößchen und der
Bärensee.) Die Jäger, mit dem Herzog als Neichs-
jägermeister und dem Oberjägernieisler und Hetz-
meister an der Spitze, fuhren mit ihrem Schiff
voraus und bliesen Fanfaren. Als der Großfürst
und die Großfürstin in jenem Zelte angelnngt
waren, kehrten die Jäger zurück und die Jagd
begann. Jagdtücher schlossen das Wild ein, welches
mnn seit mehreren Tagen oder auch Wochen bis
an diesen Ort umstellt hatte. Das Volk und
andere Zuschauer waren außerhalb der Tücher,
>vo mnn Bänke in den Wald gesetzt hatte. Vierzig
Wildschweine waren die ersten, welche von der
Terrasse, ans welcher das Lusthnus gebaut war,
in den See sprangen. Sie durchbrachen die Tücher
an einer Stelle und stürzten sich auf die über
diese plötzliche Erscheinung sehr erschreckten Zu-
schauer. Glücklicherweise wurde niemand ver-
wundet. Es waren, wie man behauptete, 700
Hirsche und Hirschkühe, welche nun nach und nach
und oft in ganzen Nudeln in das Wasser sprangen.
Sie kamen auf der andern Seite des Pavillons
wieder in die Hohe, rannten um diesen herum
und sprangen von neuem in das Wasser, wo
viele auf den Geweihen der andern verunglückten,
was einen sehr traurigen Anblick gewährte. Die
Jagd war gegen die Grundsätze des Großfürsten,
welcher dieses Fest nur unter der Bedingung
angenommen hatte, daß man nicht schieße» werde,
weil er sich nicht erlaubte, Blut zu vergießen."
In den folgenden Jahren wurde der Herzog
immer noch mehr ein gar häuslicher Herr; und
diesem sowie dem weiteren Umstande, daß er,
um sein Lündchen Mömpelgard für sich und
sein Haus zu retten, die neugeschaffene französische
Republik um keinen Preis vor den Kopf stoßen
wollte, ist die ihm (S. 117) als „besonderes
Verdienst" Z) angerechncte Fernhaltnng der ihm
von früher her als kostspielige, üppige Herren
und lockere Vögel, die nichts gelernt und ver-
gesse» hatten, wohlbekannten Emigranten von
seinem Land und Hof zuzuschreibon.
Meinere Mitteilungen.
Warnung. In letzter Zeit sind wieder in
verschiedenen Zeitschriften rc. Originnlnufsütze aus
dem „D.-A." ohne irgend eine Erlaubnis ganz
oder teilweise nachgedruckt, zum Teil auch ohne
Angabe der Quelle, ausgeschrieben worden. Wir
wiederholen daher unter Bezugnahme auf das
frühere Ausschreiben im „D.-A." lX. 1894, dir. 7,
S. 28 sowie unter Hinweis auf das Neichsgesetz
vom 19. Juni 1901 betr. das Urheberrecht rc.
ausdrücklich das Verbot des Abdruckes der
Originalaussätze und Beiträge aus dem „D.-N."
mit dem Bemerken, daß künftighin die diesem
Verbot Zuwiderhandelnden die hierauf erfolgen-
den Schritts sich selbst zuzuschreiben haben.
Im August 1903.
Verlag (Herausgeber) und Red.
des „Diö z es a n-Ar ch iv s von Schwaben".

Stuttgart, Vuchdruckerei der Nkt.-Ge^. ^Deutsche? Vrlksblatt".
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