Beck, Paul [Editor]; Hofele, Engelbert [Editor]; Diözese Rottenburg [Editor]
Diözesan-Archiv von Schwaben: Organ für Geschichte, Altertumskunde, Kunst und Kultur der Diözese Rottenburg und der angrenzenden Gebiete — 21.1903

Page: 84
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mit der Kirche vereinigt, denn nach Abt
Geißberg wird im Jahre 1529 dort be-
erdigt. Auch die Abbildungen dieser Zeit
zeigen deutlich, daß dieser Teil der Kirche
ein besonderes Dach trug und schmäler
als die Kirche angelegt war. An dieses
Helmhaus angebaut war die alte St. Oth-
marskapelle, welche 1628 einem Neubau
weichen mußte; ihr Chor war aber keinen-
falls, wie Hardenegger zeichnet, schon im
Jahre 1529 in gotischer Weise polygonal
geschlossen, sondern hatte gewiß eine halb-
runde Apside. Wie schon erwähnt, war sie
nach dem Zeugnis Vadians die älteste
Kirche und hatte „noch senken von ganzen
steinen gehouwen".
Ans weitere Details kann hier nicht
eingegaugen werden; die sehr zahlreiche
St. Gallische Literatur und die fleißigen
Zusammenstellungen von Nahn in der
Statistik schweizerischer Kunstdenkmäler
regen zu vielfachen Studien an. Nur
über den Bau der alten Abtei, vielfach
auch die Pfalz genannt, seien die Verse
erwähnt, welche dort zu lesen waren; sie
lauten nach der Uebersetzung Vadians:
„Wie zierlich ist dieser Palast
Von marmelsteinenen Säulen gefaßt,
Den Herr Grimwald, sieghafter Tat,
Von neuem gebauet hat,
Darin gewohnt viel seliger Jahr,
Da Ludwig Fürst und König war."
Und:
„Der Saal ist von den Hofbaumeistern
gemacht.
Von der Reichenau hat man die Maler
bracht."
Die Kostbarkeit des Baumaterials scheint
die Ansicht zu rechtfertigen, daß dem
mächtigen und baulustigen Abte und Erz-
kanzler Ludwigs des Deutschen in der Tat
Hofbaumeister (palatini ma^istri) zur
Verfügung standen.
Knnstgeschichtlich von hohem Wert ist
die Erwähnung der Maler von Reichenau,
welche Schule bekanntlich auf Neichenau-
Oberzell ein Denkmal hinterlassen hat,
das seinesgleichen sucht. Die Kirche
ist eine dreischiffige Pfeilerbasilika mit
Ost- und Westchor; eigentümlich ist
die Turmanlage, die ähnlich wie bei den
westfälisch-sächsischen Kirchen als West-
front nach innen die Apsis in sich schließt,
flankiert von Vorhallen, welche den Ein-

l gang zur Kirche vermitteln. Man sieht
auch hier die Unabhängigkeit vom St. Galler
Grundriß.
Der gefeiertste Name, welcher sich au
die Klosterkunst von St. Gallen knüpft,
Tutilo, hat durch neuere Forschungen
gewaltig an Ansehen eingebüßt. Alles,
was Ekkehard st über ihn schreibt, ist Le-
gende, urkundlich erscheint er nur drei-
mal 895, 907 und 912 als Schreiber
und Hospitiarnis; die ihm zugeschriebenc»
Elfenbeinschnitzwerke stützen sich gleichfalls
auf Ekkehard, und der Vermerk im Toteu-
bnch von St. Gallen ist von späterer
Hand.
Der Ruhm, der von der St. Galler
Klosterschule ausgiug, darf nicht auch auf
die Architektur übertragen werden; eine
Bauschule gab es dort ebensowenig als
eine Malerschule, und alles, was darüber
gesagt worden ist, beruht auf Vermutungen.
Daß St. Gallen einzelne Künstler besaß,
soll nicht geleugnet werden, besonders auch
seine Illuminatoren und Schreibkünstler,
zu welchen auch Tutilo gehört, welche die
berühmten Handschriften, den sogenannten
Folchard-Psalter und den goldenen Psalter
gegen Ende des 9. Jahrhunderts hergestcllt
haben.
Dir. Sclrön. VeziiHnmion Württein
verrrch Zum Deutschen Orden in
Vreuszen.
(Fortsetzung.)
Zweiter Abschnitt von 1 393 bis
1441.
Am 30. November 1 393 wurde
zum erstenmal ein Schwabe zum
H o ch m e i st e r d e S D e u t s ch e n O r d e n s
in Preußen erwählt, Konrad von
Inn gingen, ein Sohn des Ritters
Wolfgang v. Inngiugen (Burg im
Killerthale im preußischen Oberamte Hell-
inge») und der Ursula v. Hohenfels?)
Der neue Hochmeister bemühte sich auf-
richtig, dem Vorbild seines großen Vor-
gängers Winrich v. Kniprode nachzu-
kommen. Er gewährte, so oft auf den
preußischen Städtetageu die Ausschrei-
tungen seiner Beamten ernstlich zur Sprache
st Lasus 3. O-lNi geschrieben ca. 670.
st Kindler von Knobloch, oberbad. Geschlechter-
buch II, 216-217.
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