Beck, Paul [Editor]; Hofele, Engelbert [Editor]; Diözese Rottenburg [Editor]
Diözesan-Archiv von Schwaben: Organ für Geschichte, Altertumskunde, Kunst und Kultur der Diözese Rottenburg und der angrenzenden Gebiete — 24.1906

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Mi chelwinn enden, einer frühere»
Schnssenrieder Klosterpfcirrei, hatte die
Vieh-Benediktio» »ach einer Pfarrrelation
vom Jahre 1827 in folgender Weise statt:
Am 1. oder 3. Mai kommt die Gemeinde
nachmittags I Uhr in die Kirche; dann
gehl man paarweise unter Abbetnng eines
Rosenkranzes eine kleine Strecke znm Dorf
hinaus, wo sich der Kuhhirte mit der
Herde befindet. Dann wird der gewöhn-
liche Segen über das Vieh gesprochen,
worauf man ebenso wieder in die Kirche
zurückgeht, wo noch eine Litanei gebetet
wird. Man weiß von keiner Unordnung,
auch waren keine Auswärtige zu bemerken.
Cs fand im Jahre 1828 das letztemal
statt und wurde auf höhere Weisung ab-
gestellt. Später wurde das Vieh nur noch
von der Ferne angehalten und der Segen
geschrocken, aber auch dies hörte vom
Jahre 1840 an ans. In Molperts-
h aus, einer früheren Filiale von Haister-
tirch, wurde früher das Vieh der ganzen
Gemeinde unter Beteiligung von Aus-
wärtigen, noch 1827 beim ersten Anstrieb
benediziert. Die Segnung scheint früher
bei der im Jahre 1724 erbauten Loy-
(Eligiuö-) Kapelle bei Menisweiler, Pfarr-
verbands M., vorgenommen worden zu
sein, welche im Jahre 1820 bis auf den
Mauerstock abgebrochen wurde. Im letzt-
genannten Jahre erscheinen noch auf das
Fest des hl. Eligius wieder viele Leute,
aber nur mehr wenige Reiter, weil durch
bischöfliches Reskript das Segnen der
Pferde allgemein untersagt wurde, was zu
großem Mißvergnügen und Lästerungen
Anlaß gab (Pfarregistratur Haisterkirch).
In Otterswang, einer früheren
Schnssenrieder Klosterpfarrei, ging noch
im Jahre 1833 eine solche Vieh-Bene-
diktion, wenn der Gemeiudehirt zum ersten-
mal austrieb, aber ohne besondere Feier,
vor sich; teilweise wurden selbstgefertigte
deutsche Gebete gebraucht. In Schnssen-
r iedselbst, woderdamaligePfarrerLaurenz
Löwe, der letzte Kapitular des Prä-
monstratenser-Neichsstifls, ein Gegner von
dergleichen, auch vom Wallfahren war,
fanden Vieh-Benediklionen, jedenfalls in
der Zeit nach der Klosteraufhebung, nicht
statt. Ebenso in der Stadt Waldsee.
In Nötenbach wurden bloß Stall-
Benediktionen (also wohl keine öffentliche,

allgemeine Benediktionen) im Frühjahr
gemeldet; „der Pfarrer erklärt die Sache
und empfiehlt die altlöbliche Gewohnheit,
bei Wartung der Haustiere zu beten und
zu singen". In Unteressen dorf, wo
der frühere Pfarrer v. Natlermann
ebenfalls ganz gegen Benediktionen, Wall-
fahrten rc. war, wurden 1833 Bene-
diktione» in . Ställen verweigert. In
Au len dorf wurden im Jahre 1840
Benediktionen im Haus und Ställen nur
noch selten verlangt, und wenn sie ver-
langt wurden, mit geeigneter Belehrung
verweigert. >- Pferde-Besegnungen
scheinen im Bezirke schon früher als die
vom Rindvieh aufgehört zu haben. Ein
Waldseer VisitationSrezeß vom 22. August
1820 besagt: „Die Unfuge, welche an
einigen Orten bei Pferde - Bene-
tz i k t i o n e n statthatten, glauben wir in-
dessen abgetan". Zu Jngoldingen
wurden noch im Jahre 1818 am Blasins-
tage Pferde benediziert; die angrenzenden
Bauersleute machten daher Besuch zu Roß
daselbst. Auch in dem nahen Win lei-
stet tenstadt wurden früher Pferde be-
segnet und fand dahin ein Ritt statt.
Daselbst hörten auch die Vieh-Bene-
diktionen im Frühjahr 1825 ans. — Nach
allem hing das Landvolk sehr an diesen
von alters hergebrachten, ehemals weit
verbreiteten Vieh-Benediktionen und wollte
dieselben sich nicht nehmen lassen, während
die kirchlichen Behörden und Obei-
behörden, namentlich der Katholische
Kirchenrat, wegen der vielfach dabei vor-
gekommenen Mißbräuche und Ueberschrei-
tungen, aber auch sichtlich unter der Ein-
wirkung des Zeitgeistes, sie nicht gerne
sahen und schließlich „in Abgang dekre-
tierten". Ebenso war die Mehrzahl der
Geistlichkeit nicht dafür ; insbesondere war
der damalige Dekan Kistler des Land-
kapitels Waldsee (1825— 44) ein Gegner
derselben. Seitdem sind sie nicht wieder
anfgekommen. Aber ei» Aberglaube sind
diese Segnungen und Exorzismen nach
katholischer Lehre nicht, und sind die-
selben, falls sie sich streng in den ge-
zogenen Schranken halten und Mißbräuche
und abergläubische Weiterungen feruge-
halten und vermieden bleiben, kein Aber-
glaube daraus gemacht wird, nicht un-
erlaubt. Man muß überhaupt das Wort
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