Die Dioskuren: deutsche Kunstzeitung ; Hauptorgan d. dt. Kunstvereine — 10.1865

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gültigen plastischen Ideals hinaus zu einer höheren, geistig
erfüllten Schönheitsform zu gelangen; aber viele davon
bleiben aus halbem Wege stehen, und die überwiegende
Mehrzahl von allen bleibt in dem einmal hergebrachten
Schema stecken. Dennoch kann anerkannt werden, Laß
vielleicht in keiner der früheren Ausstellungen die Plastik
in so mannigfaltiger und bedeutsamer Weise vertreten,
besonders auch niemals soviel Marmor vorhanden war
als auf der vorjährigen.

Unter den antikisirendcn Werken führen wir zunächst
daö unter dem Titel „Amöre segveto“ (798) von Emil
Wolff (Rom) und „Amor und Venns" (794) von An-
ton Werres (Köln) an, beide mit sentinieiitalem Bei-
geschmack — das Schlimmste, was man einem antikisi-
renden Werke zum Vorwurf machen kann —; das erstge-
nannte außerdem etwas fabrikmäßig flach. Viel besser
als diese beiden Marmorarbeiten hat uns B üchting's
„Jugendlicher Bacchus" (717) und der „Bacchus als
Knabe" (750) von Ed. Meyer (Rom) gefallen. Auch
R. Pohle behandelte ein antikes Motiv „Amor mit Psyche
scherzend" (761), das jedoch seiner Genrefigur des „Fischer-
knaben) (762) nicht gleichkommt. Eine andere, fast le-
bensgroße Genrefigur „Hirtenknabe" (759) von Noack
verdient ebenfalls anerkannt erwähnt zu werden. — Noch
bedeutender, weil durch gesunden Realismus anziehend,
erschienen „Die Schnitterin" (806) und „Die Winzerin"
(802) von Wolgast, durch saubere Technik und gefälli-
gen Ausdruck nicht minder Wittig's „Schnitterin".

Wir könnten noch zahlreiche ähnliche Werke niit theils
antikisirenden theils genremäßigen Motiven anführen, wol-
len indeß nicht verhehlen, daß wir weder nach der einen
noch nach der andern Richtung hin für die Fortentwick-
lung der Plastik viel hoffen. Die wahre höhere Ausgabe
derselben liegt in der Mitte zwischen beiden, in der Sym-
bolik allgemein-menschlicher Empfindungen. Warum wer-
den so selten Themata behandelt, welche entweder wie die
Schilling'sche „Nacht" allgemeine Mächte des mensch-
lichen Lebens repräsentiren, oder in denen rein menschliche
Gefühlszustände ausgedrückt werden, wie „Trost", „Ent-
sagung", „Trauer", „Jungfräulichkeit", „verrathene
Liebe" rc. Hier ist ein reiches Feld der Erndte für Den,
welcher nicht blos Formen, gleichviel in welchem konven-
tionellen Schönheitstypus, sondern Id een plastisch zu ge-
stalten vermag. Aber, wie die Sache jetzt liegt — und
die Ausstellung lieferte dazu zahlreiche Beläge — tappen
die Meisten auf's Gerathewohl umher, ohne viel danach
zu fragen, ob das Motiv, welches ihnen aufstößt, über-
baupt ein plastisches oder nicht vielmehr für die Malerei
geeignetes sei, und so gehen sie entweder auf die Antike
zurück, die sie mehr oder minder modernisiren, um sie
dem heutigen Bewußtsein schmackhafter zu machen, oder
sie fallen in's entgegengesetzte Extrem, d. h. in's Genre-
hafte; in beiden Fällen aber bleiben sie ideenlos oder,

was noch schlimmer ist. sie wärmen verbrauchte Ideen
auf. Und doch liegt gerade in jenem fast gar nickt kulti-
virtes Gebiet der Empfindungssymbolik ein Schatz an
plastischen Ideen und auch au wahrhafter Popularität.

Einen Anlauf zu Verwendung der nationalen Mythe —
ebenfalls ein selten kultivirteS Gebiet — nahmen Boß
und PawlowSki, welche beide „die Loreley" (760 und
792) behandelten, freilich in sehr verschiedener Auffassung
und von sehr auseinandergehendem Werth; von G. Enke
war eine Gruppe „Urgerniaue im Kanipfe mit zwei Galliern"
(724) ausgestellt, welche nickt ohne energischen Schwung
war, von Genschow ein „Obotrit, ein Pferd bändigend"
(734). Man könnte diese Motive alö historisches
G,enre in der Plastik bezeichnen, als dessen Extrem die
lebensgroße Gruppe des „heiligen Hubertus mit dem
Hirsch und zwei Jagdhunden" von Janda (746) erschien;
zum Unterschiede vom symbolischen Genre, welches
z. B. in niehreren Arbeiten von Franz vertreten war:
„Ein Jäger, sein erlegtes Reh auf einen Baumstamm ab-
setzend" (729) und „ein Fischer, einen Korb mit Fischen
auf dem Kopfe tragend" (730). Judeß liegt das Sym-
bolische hier weniger in der ziemlich naturalistischen Be-
handlung der Figuren, als in dem äußerlichen Umstande,
daß die genannten Figuren für kolossale (!) Marmoraus-
führung, zur Ornamentirung des neuen Orangeriehauses
bei Sanssouci, bestimmt sind. Aehnliche Bestimmung
mögen auch wohl — vielleicht für einen Springbrunnen —
die beiden Najadenreliefs desselben Künstlers haben.

Die PortraitbildHauerei war zahlreich und durch
einzelne treffliche Werke vertreten, namentlich erwähnen
wir eine schöne broncene Skizze von Elisabeth Ney
(758), ferner die Büsten von Zurstraßeu (780), Franz
(726-728), Gilli (741), Möller (755, 756), Beyer-
haus (715), Calandrelli (720), Fritze (733), Köl-
bel (749), Tondeur (787,788), Walger (793), Sel-
bach (772) u. A. Etwas bedeutend Hervorragendes war
jedoch nicht vorhanden.

Unter den übrigen noch erwähuenswerthen Werken
führen wir noch an: eine reizende Marmorstatue, eine
„Spinnerin" darstellend (757) von F. C. Müller, ein
Werk, das sich durch sinnige Auffassung und sehr gefäl-
lige Durchführung auszeichnet, ferner ein Relief von G.
Die dem, „Spaziergang am Osternachmittag", aus dein
Faust, Basrelief (751), das uns an ein Gemälde (wenn
wir nicht irren, von Schwerdtgebnrt) erinnerte und „Faust
und Gretchen", ebenfalls Relief (736) von Genutat
endlich „Ruth, ährenlesend" (779) von Schweinitz.

Von Thierbildwerken war wenig vorhanden. Zu
bemerken sind „ein Löwe in Gypö" (777) von Heinrich
Schultz und eine Springbrunneugruppe „Nymphe mit
dem Schwan" (799) von W. Wolff.

Und hiernüt schließen wir unfern Bericht über die
akademische Ausstellung des Jahres 1864. M. Sr.

(Fortsetzung in der Beilage.)

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