Die Dioskuren: deutsche Kunstzeitung ; Hauptorgan d. dt. Kunstvereine — 10.1865

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i Zehnter Jahrgang.


Hcrallsgegebell and rebigirt


> IS. Zuni

M 25.


Dr. Mar Schasler.

c

1863.

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Inhalt:

Abhandklnder Artikel: Eine Probe französischer Kritik. jj Kunstgeschichte u. Antiquitäten: Beiträge zur Geschichte des

Korrespondenzen: R. Paris, Ende Mai. Der diesjährige j Magdeburger Doms.

Salon. Forts.) |j Kunst-Kritik: Berliner Kunstschau. (Forschung.)

Kunst-Chronik: Lokalnachrichten aus Berlin, Leipzig, Aachen, ! Kunstlitcratnr n. Album: Unger: Kritische Forschungen im Ge-
Paderborn, Nürnberg, München, Wien, Paris, London. || biete der Malerei. (Schl.) Gennerich, Lehrbuch d.Perspective.

~£mc %sroßc französischer Kritik.

o hoch die französische Kunst der
neueren Zeit steht, so wenig hat die
französische Kunstkritik mit ihrem
1 Entwicklungsgänge gleichen Schritt

gehalten. Der Grund davon liegt, ebenso
wie bei den Engländern, in dem Mangel
einer gesunden, die gedankliche Sub-
stanz der Dinge durchdringenden Philo-
sophie. — Die tiefe Kluft zwischen der
deutschen und französischen Philosophie
ähnlich wie die zwischen der deutschen und französischen
Poesie, der deutschen und französischen Religiosität u. s. f.
— macht eine gegenseitige Verständigung fast unmöglich.
Die französische Anschauung der Welt und des Lebens ist
immer mit einer Differenz behaftet. Sein und Denken ist
für sie ein unlösbarer Widerspruch; sie weiß nicht, daß
der Inhalt alles Seins eben der Gedanke ist, und daß die-
ser Gedanke, die ideelle Substanz des Seienden — mögen

wir dieses nun Welt oder Natur nennen — den einzigen
Gegenstand, den alleinigen Inhalt sowohl der Philosophie
wie der Kunst bildet. Daß im einfachen Märchen oft mehr
wahrhafte, wenn auch unentwickelte Philosophie, im beschei-
denen Volksliede zuweilen mehr Poesie liegt, als in dem
abstraktesten Pathos kothurnmäßiger Rhetorik: das ist für
den Franzosen unerklärlich. Ihm erscheint der Philosoph,
der Mann der Wissenschaft stets mit dem Skalpirmesser
der Analyse bewaffnet, der die organischen Lebensfäden
durchschneidet, um den Gedanken des Lebens zu finden;
ihm ist Denken und Anschauen ein Gegensatz, Kritik und
Intuition ein Widerspruch. Was insbesondere die Poesie
betrifft, so erreicht er die Einfachheit hier nur auf dem
künstlichen Wege kombinirter, ja raffinirter Simplicität:
darum erscheint uns seine Naivetät als gemacht; und wenn
er gefühlvoll werden will, verfällt er meist in abstrakte
Sentimentalität, die geradezu etwas Widerliches hat.

Der Grund von dem Allen ist, daß des Franzosen
ganzes Fühlen, Denken, Leben und Handeln auf den Er-
folg, den Effekt, zugeschnitten ist, welches überall und
stets, bewußt oder unbewußt, als das Ziel alles seines
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