Die Dioskuren: deutsche Kunstzeitung ; Hauptorgan d. dt. Kunstvereine — 10.1865

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Zur Arsthetik des

(Fortsetzung

Was die Farbe der Kleidung betrifft, so haben wir
die betreffende» Ansichten des Verfassers bereits mitgetheilt.
In Betreff des Stoffes unterscheidet er vier Punkte,
welche für die Auswahl des Stoffs zu berücksichtigen seien:

1) den Faltenwurf, 2) die Reinheit der Zeug-
farbe, sowie die von Licht und Schatten, 3) den
Kontrast zwischen Stoffund Stoff, 4) den Kon-
trast zwischen Stoff und Fleisch.

1) Zu dem ersten Punkte bemerkt er nur, dag ein
dicker Stoff wenige, breite und tiefe Falten, ein dünner
mehr Falten und zwar schnialcre und flachere gebe. Hier
wäre nun wohl von Interesse gewesen, auf das Berhältniß
der Stoffe, nach ihrer besonderen Weise Falten zu werfen,
zu der Bestimmung des Kleidungsstücks und zwar auch
in Bezug auf den Unterschied des Geschlechts näher ein-
zugehcn. Auch war der Unterschied zwischen runden und
geknitterten Falten, der nicht schlechthin mit der Stärke,
sondern viel mehr mit der Qualität des Stoffes in Ver-
bindung steht, zu berühren gewesen.

2) In Betreff der Farbenreinhcit bemerkt der Ver-
fasser: .

„Ein zu wenig dichter Stoff, z. B. Musselin, giebt,
weil er durchscheinend ist, kein energisches Licht und kei-
nen energischen Schatten — das Bild sicht nebelhaft aus;
bei Flor und Spitzengrund noch mehr. Verwerflich sind
sogenannte Mantillcn von Blonde»; denn steht die damit
Bekleidete vor dem Lickte, so sicht man ganz genau ihre
sonstige Gestalt, die Mantillc verschwindet zu einem un-
bestimmten Scheine. Und doch wird das als ein hoher
Zielpunkt der weiblicher Toilette angesehen! Ferner sicht
man blaue, rothe und andersfarbige Florkleider über
dichten weiße» Kleidern; wo nun der Flor mehrfach über
einander liegt, erscheint eine intensive, z. B. blaue Farbe,
wo der Flor aber einfach ist, sieht man ein schmutziges
Weiß, ein mattes Blauweiß — welche horrende Geschmack-
losigkeit!" (Das ist doch wohl etwas zu viel gesagt.) —
„Alle jene weniger dichten Stoffe sollte man nach meiner
Ansicht nur zum Ausputz oder zu ganz kleinen Kleidungs-
stücken, die gewifsermaaßen nichts weiter sind als Ausputz,
die einen dekorativen Charakter haben, auwenden, nicht
aber zu ganzen großen Kleidern. Den Schleier nehme
ich aus."

3) „Ein ganz in Wolle gehüllter Mensch ist nicht so
geschmackvoll gekleidet, als ein in verschiedene Stoffe,
z. B. Wolle und Leinen, Wolle und Seide u. s. w. ge-
kleideter. Schöne Kontraste bilden auch Besätze von
Seide, Atlas u. s. w. auf Wolle, ferner Pelzbesatz auf
Tuch u. s. w."

4) „Einen schönen Kontrast bildet der Glanz eines
AtlaSklcides gegen das mehr matte, alabasterartige Fleisch
eines schönen weiblichen Körpers und umgekehrt bildet
sich ein schöner Kontrast zwischen Fleisch und Sammt."

Diese Bemerkungen sind etwas dürftig, was um so
mehr zu bedauern ist, als die oben erwähnten Punkte
gerade ein reiches Thema enthalten.

Der vierte Abschnitt handelt nun von der Verzie-
rung der Kleider, und zwar in ausführlicherer Weise.

modernen Kostüms.

aus Nr. 12.)

„Das Kleid" — sagt der Vers. — „fordert Verzie-
rung: die Verzierungen sind gewifsermaaßen die Blüthe
des Kleides. Sie sind deshalb aber räumlich Nebensache
und sollen daher von kleinem Maaßstabe und sparsam an-
gebracht sein. —- In letzter Beziehung ist noch zu bemer-
ken, daß durch Ucbertreten desselben sich auch der Kontrast
von Einfachem und Vielfachem, der doch eine Hauptquelle
von Schönheit ist, nicht gehörig entwickelt."

„Betrachten wir zuerst den Auspntz.

„Die einfachste Form desselben ist der streifenförmige
Besatz. Ist derselbe von anderer Farbe als^ das Kleid,
so soll er in der Nähe der Hauptgränzen desselben, pa-
rallel mit diesen angebracht sein, z. B. in der Nähe des
unteren Endes des weiblichen Kleides. In solcher Stellung
hat der Besatz die schönsten Wirkungen, schöner, als wenn
er am unter» Ende des Kleides, d. h. Saum ist. Denn
mau hat erstlich den Farbenkontrast ober- und unterhalb
des Besatzes, sodann bildet sich mit dem unterhalb des
Besatzes befindlichem Streifen des Kleides eine schöne pa-
rallele Zeichnung und endlich stellt sich der Faltenwurf
auf diese Weise am Schönsten dar. Gegen das Anbringen
dieses Besatzes am Ende des Kleides sprechen ferner noch
andere Gründe, besonders daß ein schwarzer, etwa einen
Zoll breiter Saum, wie jetzt vielfach getragen wird, unter
Umständen so anssieht, als wäre er der Schatten des
Kleides: das Kleid erscheint also dadurch kürzer. Ferner
hat man, wenn der Saum 3—4 Zoll breit ist, wie jetzt
ebenfalls vielfach getragen wird, den Eindruck, als sähe
man zwei Kleider vor sich, was doch nicht beabsichtigt wird.
Endlich hat man den Gedanken, das Kleid sei unten ab-
genutzt gewesen und auf jene Weise geflickt worden, oder
das Zeug habe nicht gereicht, kurz, es sieht ans, wie
Flickwerk, und das ist es denn auch wirklich meistens. Was
nun die Breite des streifenförmigen Besatzes betrifft, so
darf derselbe nach meiner Ansicht nicht breiter sein, als
etwa zwei Zoll und nicht schmäler, als etwa einen Zoll-
Ist der Besatz dagegen kein bloßer Streifen, also z. B.
durchbrochen, wie ein Mäander o. dcrgl., so darf derselbe
etwas breiter sein, darf aber nicht so schmal sein, wie ein
Streifen sein darf. Die Farbe des andersfarbigen Be-
satzes anlangend, so darf dieselbe einfach und mehrfach
sei»; im ersten Falle aber darf dieselbe nicht zu sehr von
der des Kleides abstechen. Der Besatz darf aber auch
von derselben Farbe sein, wie das Kleid, sogar zugleich
von demselben Stoffe. Ist er von anderem Stoffe, als
das Kleid, was zulässig ist, so tritt er möglicherweise schon
durch Licht und Schatten in die Erscheinung, sicher aber
durch seine andere, mattere oder glänzendere Textur. Ist
er dagegen von demselben Stoffe, wie das Kleid, so kann
er blos durch Licht und Schatten sichtbar gemacht werden,
er muß also plastisch sein. Ist dies der Besatz aber, so
darf er nicht von zu starkem Zeuge und überhaupt nicht
zu massiv sein, weil er sonst den Faltenwurf beeinträchtigt."

„Ferner gehören zum Auspntz Franzen, Quasten, Gar-
nituren von Spitzen und dergl., die ich jedoch sehr spar-
sam angebracht sehn möchte; ferner Bänder und Schleifen.
Flatternde Bänder geben unter Umständen schöne Bilder,
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