Die Dioskuren: deutsche Kunstzeitung ; Hauptorgan d. dt. Kunstvereine — 10.1865

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Kunst-Industrie und Technik.

Zur Aesthetik des modernen Kostüms. (Fortsetzung.)

Im folgenden Abschnitt (II.) behandelt der Verfasser
den „Kontrast in den Formen als Quelle der
Schönheit" und zwar a) den „Kontrast zwischen Mensch
und Kleidung", b) den „Kontrast zwischen den einzelnen
Theilen der Bekleidung und den zwischen der Hauptform
und der Verzierung."

a. In erster Beziehung stellt er folgende Sätze auf:

„Die Formen der Kleider sollen kontrastiren mit den
Formen des menschlichen Körpers. Der menschliche Kör-
per ist: 1) symmetrisch und 2) ferner sind seine Formen
• einfach; die Glieder, wenigstens bei schönen Leuten, nament-
lich beim weiblichen Geschlechts, voll, rund und faltenlos.
— Das Kleid also muß 1) unsymmetrisch sein, schief
gegen die Längenrichtung des Körpers, der Glieder laufen
und 2) faltig und dadurch ein Vielfaches sein.

Im Extrem würde alles Das Draperie, bloßer dra-
perieartiger, ganz freier Ueberwurf sein. Das andere
Extrem hätte man, wenn das Kleid zum Futterale ge-
worden. Zwischen diesen beiden Extremen liegt
das wahrhaft schöne Kleid. Beispiele für Kleidung,
die zur Draperie neigt, finden wir bei den Alten, ja in
der Plastik verwandelt sich das Kleid vielfach in bloßen
draperieartigen, ganz freien Ueberwurf. Ein Beispiel für
eine Kleidung dagegen, die ein Futteral ist, giebt die
Tracht, die vor nicht gar langer Zeit bei uns hier für
Jungen von etwa 3—6 Jahren Mode war. Diese be-
stand ungefähr darin, daß eine hinten zuzuknöpfende Hose
an eine ebenso zuzuknöpfende, von demselben Zeuge ge-
fertigte Jacke genäht war, so daß beide Eins bildeten.
Alles das war ohne Verzierung, ohne Kragen und Auf-
schläge und fast ohne Falten. Sollte nun der Junge sein
Futteral anziehen, so wurde dasselbe geöffnet, der Junge
hineingesteckt und jenes dann hinten geschlossen, ganz wie
man etwa eine Cigarrenspitze in ihr Futteral bringt.

Das wahrhaft schöne Kleid kontrastirt mit dem mensch-
lichen Körper. Wie erst durch den Kontrast die kon-
krastirenden Potenzen in ihrer vollen Individualität und
Schönheit hervortreten, so auch hier. Die Schönheit,
der Reiz des Leibes, des Nackten, tritt am stärksten her-
vor durch den Kontrast mit dem Kleide — die Schönheit,
der Reiz des Kleides durch den Kontrast mit dem Leibe,
dem Nackten.

Wenn nun auch der Körper in der Regel das Ein-
fache, das Kleid das Vielfache repräsentirt, so ist doch
auch das Umgekehrte möglich. So bilden z. B. bei den
Alten die Zehen des weiblichen Fußes als Vielfaches einen
Kontrast gegen die mehr einfache Gränzlinie des langen
Kleides, unter dem sie hervorsehen. Auck das Haar, der
Bart bieten unter Umständen ein Vielfaches gegenüber
dem mehr einfachen Kleide.

Die Alten neigten nun, wie gesagt, mehr als wir zur
Draperie, zum Faltigen, Unsymmetrischen, Schiefen. Das
lag nun eines Theils daran, daß dieselben einem mehr
idealen Geschmacke folgten, anderes Theils lag es am
Klima, und aus dem letztern Grunde strebt denn auch im
Allgemeinen die Kleidung nach dem Aequator zu mehr zur
Draperie, zu leichten, freien Formen, nach den Polen zu
mehr zum Futterale, so daß dann mancher Bewohner der
Polargegenden in einem echten Futterale steckt: das Be-
dürfniß zwingt ihn hierzu. Dort, wo die Kälte überhaupt
auch fast alle Poesie aufhören macht, schwindet auch die
Poesie der Kleidung. Dort ist also diese Tracht nicht zu
tadeln, zu tadeln ist dagegen jener eben erwähnte Jungen-
anzug, der das Bedürfniß auf eine philisterhafte Weise
befriedigte, und so ist er denn auch jetzt wohl überall außer
Gebrauck."

b. Heber den „Kontrast zwischen den Kleidungsstücken
selbst, sowie zwischen Kleid und Verzierung," bemerkt der
Verfasser Folgendes:

„Durch diese Kontraste wird das Prosaische futteral-
artiger Kleider mehr oder weniger gehoben und das Tra-
gen derselben vielfach ermöglickt, ja, es bilden sich unter
Umständen ganz hübsche Kontraste.

Wenn also z. B. das untere Kleid symmetrisch und
einfach ist, so wird es schon verschönert durch ein faltiges,
es theilweise bedeckendes Oberkleid, noch mehr, wenn dies
zugleich symmetrisch ist.

Eine von der einen Schulter schräge über die Brust
laufende faltige Schärpe thut schon etwas, noch mehr ein
unsymmetrisch getragener Plaid, wie jetzt noch zum Theil
bei Männern Mode, ein Shawl bei weiblicher Tracht
u. s. w.

Eine Reithose mit Knöpfen au der ganzen Länge der
Außenseiten ist ein echtes Futteral, sieht aber besser aus,
wenn ein faltiger Mantel dazu getragen wird. Ferner
kann Jemand z. B. eine ziemlich faltenlos anliegende, von
dickem Zeuge gefertigte Twiue tragen, wenn er eine faltige
Hose dazu trägt, oder gar noch einen um den Hals ge-
wundenen faltigen Shawl, dessen Enden ungleich lang
sind. Ebenso giebt einen hübschen Kontrast ein ziemlich
faltenloser weiblicher Paletot über einem faltigen Kleide.
Endlick thun auch schon schief und unsymmetrisch aufge-
nähte Verzierungen etwas, um einen gutwirkenden Kon-
trast hervorzubringeu, z. B. Garnituren von Fransen
u. s. w.

Der III. Abschnitt handelt „von der Farbe und dem
Stoff der Kleidung". Auch in diesem Abschnitt sind manche
treffende und beherzigenswerthe Bemerkungen, die wir in
der nächsten Nummer mittheilen werden.

(Fortsetzung folgt.)
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