Die Dioskuren: deutsche Kunstzeitung ; Hauptorgan d. dt. Kunstvereine — 10.1865

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Kunstgeschichte und Antiquitäten.

Ueber die alte „berliner Gertchtslaube"

enthält die von mehren Alterthumssreunden an die Stadt-
verordnetenversammlung gerichtete Petition in Betreff ihrer
Konservirung nähere historische Daten. Bekanntlich wurde
nach Anlegung der Neustadt (Neue Markt mit der Marien-
kirche) in der zweiten Hälfte des 13ten Jahrhunderts das
Rathhaus vom Molkenmarkt in die Mitte zwischen den
beiden Märkten, nemlich an die Ecke der Spandauer und
Oderberger (Georgen-, später Königs-) Straße verlegt.
Dieser Rathhausbau bestand aus dem jetzt noch in der
Spandauerstraße vorspringenden viereckigen Theile des im
Abbruch begriffenen berlinischen Rathhauses, der soge-
nannten Gerichtslaube. An diese schloß sich längs der
Königsstraße eine um ein wenig größere, länglich vier-
eckige Baulichkeit. Oberhalb der Gerichtslaube wurde ein
Saal zu Stadtfestlichkeiten, Versammlungen fremder Für-
sten und höher Herren, zu Bürgerhochzeiten u. s. w. er-
richtet. Und diese Gerichtslaube ist im Wesentlichen
noch heute erhalten. Sie besteht in einem viereckigen
Raume, in dessen .Mitte eine Säule mit verziertem Ka-
pitäl die Stütze für vier schlank aufsteigende Kreuzgewölbe
bildet. Diese Wölbungen öffneten sich nach der Straße
zu in spitzbogige Arkaden, und zwar so, daß je zwei Ar-
kaden nach der Königsstraße, zwei nach der Spandauer-
straße gegen Westen und zwei nach der Spandauerstraße
gegen Südeu die Eingänge zu dieser offenen Halle aus-
machten, während sich an der vierten Seite der hintere
Raum des alten Rathhauses anschloß. Diese Arkaden-
öffnungen sind, wie der jetzt abgeschlagene Putz zeigt, in
späterer Zeit zngebaut worden, und es ist so ein Zimmer
entstanden, in welchem sich bisher das vereinigte Bureau
befand.

Die bautechnischcn Untersuchungen haben ergeben, daß
die gebrannten Steine, aus denen der Bau aufgeführt
ist, nach Stoff und Form wesentlich mit den Bausteinen
der Klosterkirche übereinstimmen, behufs deren Vollendnng
der Ritter Jakob von Nybede den Franziskanermönchen
im Jahre 1290 seine Ziegelscheune bei Tempelhof schenkte.
Die Zeichnung aller Formen ist streng und noch nicht so
zierlich wie die der Klosterkirche, welche bereits bald nach
1270 in Angriff genommen wurde, so daß mit hoher
Wahrscheinlichkeit dieser Bau denjenigen der Franziskaner-

Klosterkirche noch an Alter überragt. Das an der Mittel-
säule befindliche sandsteinerne Kapitäl mit wundersamen
symbolischen Darstellungen steht durch seine spät romanische
Form zu. der Gothik des sonstigen Baues im Gegensatz,
so daß die Vermuthung nahe liegt, daß dieses Kapitäl,
gleichsam der Kern des ganzen Baues, bereits dem ältesten
Stadthause ans dem Molkenmarkte angehört habe und
hierher übertragen worden sei.

Diese Halle biente zu Gerichtssitzungen des berlinischen
Rathes, welche öffentlich vor dem außen versammelten
Volke und unter Theilnahme desselben stattfanden. Hier-
her rief die Glocke die Bürger, um über wichtige Stadt-
angelegenheiten die Rathsmannen zu hören. Hier hielten
die Gewerke ihre Sprachen. Vor ihr wurden alle Exe-
kutionen vollzogen, welche nicht bei verschärften Strafen
nach dem außerhalb der Stadt belegenen Rabensleine ver-
wiesen waren. Das Andenken an diese Strafvollstreckungen
ist noch heute in dem an dem südwestlichen Pfeiler dieses
Vorbaues erhaltenen steinernen Spottbilde des „Kaak,"
als Stelle des alten Prangers, sichtbar.

Wir besitzen in diesem Denkmal unstreitig das älteste
Monument der Profanbaukunst in unserer Stadt und das
früheste Erinnerungszeichen kommunaler Bauthätigkeit.
Während durch die großen Stadtbrände von 1380 und
1481 sonstige Theile des Rathhauses zerstört und dem-
nächst umgcbaut wurden, hat ein günstiges Geschick diese
Gerichtslaube, die auch der berlinische Schöppenstuhl ge-
nannt wurde, in^ ihren hauptsächlichen Theilen unversehrt
erhalten. Es ist also wohl Grund vorhanden, diesen
interessanten und ehrwürdigen Rest des alten Berlins zu
konserviren. Dies läßt sich ohne große Schwierigkeit be-
werkstelligen, indem die Laube nach erfolgter Abtragung
in ihrer ursprünglichen Gestalt als offene Halle vollständig
wieder neu aufgestellt werden kann. Bekanntlich schlägt
die Petition vor, dieselbe entweder auf einem der Höfe
des neuen Rathhauses, oder falls räumliche Schwierig-
keiten dies verbieten (sie hat ca. 34 Fuß ins Geviert), auf
dem Neuen Markt aufzustellen. Hier würde sie, korrespon-
dirend mit dem Marktbrunnen, da zu errichten sein, wo
jetzt noch die voraussichtlich bald der Mythe angehörenden
Scharren und Buden stehen.

Zur Restauration alter Kirchen, mit besonderer Beziehung auf den kölner Dom.

(Eingesandt.)

«Köln, im August. — In unserer alten und ehrwürdi-
gen Stadt Köln haben sich die gewaltigsten und pracht-
vollsten Kirchenbauten der romanischen und gothische» Kunst-
epoche nur als halbe Ruinen bis in unsere Tage gerettet,
und der Gegenwart ist die bedeutungsvolle, aber schwie-
rige Aufgabe zugefallen, die einen baldigen Einsturz drohen-
den Baudenkmäler einer für alles Gro ßartige in, höchsten
Grade begeisterten Zeit vor gänzlichem Verfall zu retten
und wieder in den ursprünglichen Stand zu stellen oder
in dem Geiste der Zeit zu ergänzen. Wohl ist diese Auf-
gabe schwierig, und ihre glückliche Erfüllung erfordert, wie

bedeutende Geldmittel, so eine tiefe Kenntniß der alten
Kunstformen und der alten Technik, und eine hohe Begei-
sterung für die Erzeugnisse der mittelalterlichen Architektur.
An solcher Begeisterung und solchen Kenntnissen fehlt es
den mit der Restauration der kölner Kirchen betrauten
Architekten nicht. Im Interesse der Kunst im Allgemeinen
wie der herzustellenden Bauwerke im Besondern können
wir uns nur darüber freuen, daß unsere Vorfahren sich
bei der Restauration der alten Stifts- und Klosterkirchen
ans ein so geringes Maaß beschränkt haben. Die kleinen
Sünden, die sie in ihrer Unkenntniß und Geschmacklosig-
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