Die Dioskuren: deutsche Kunstzeitung ; Hauptorgan d. dt. Kunstvereine — 10.1865

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Beilage.

Allgemeine deutsche Kunskzeitung.

J\s 29. 30.

Gutachten

der Special-Kommission des „Vereins für die Geschichte Berlins" über das Wäsemann'sche Projekt:
„Die malerische und plastische Uuslchmnchuug des Denen Mallchaules".

Vorgctragen in der außerordentlichen Sitzung des Vereins am 8. Juli 1865 vom Referenten Dr. Max Schasler.

Geehrte Versamnilung!

Die von Ihnen in der Sitzung vom 15. April zur Begut-
achtung des von dem Baumeister des neuen Rathhauses, Hrn.
Lauinspektor Wasemann, ausgestellten Projekts, betreffend
die malerische und plastische Ausschmückung des Rath -
Hauses, gewählte Kommission — bestehend aus den Herren
Direktor Hauptmann v. Ledebur als Vorsitzendem, Prof. Hot ho,
Baumeister Prof. Adler, Oberlehrer Holtze, Archivar Fidiciu
und Dr M. Schasler, welchem Letzteren das Referat und die
Protokollführuug übertragen wurde — hat sich der Lösung der
ihr gewordenen ehrenvolle Aufgabe mit dem Ernst unterzogen,
welchen dieser wichtige Gegenstand erfordert. Herr Bauiuspektor
Wasemann, welcher ebenfalls in die Kommission gewählt worden
war, hatte eine Bethciligung daran abgelehnt, als seiner An-
sicht nach unvereinbar mit seiner officiellen Stellung als Bau-
meister des Rathhauscs und als Verfasser des Projekts, des ei-
gentlichen Gegenstandes der Begutachtung.

Die Kommission hat am 20. April ihre Arbeiten begonnen
und dieselben am 8. Juni beendet. Es wurden im Ganzen
8 Versammlungen abzehaltcn, wovon 5 eigentliche Sitzungen
zur Diskutirung der von einzelnen Mitgliedern gemachten Vor-
schläge resp. Beschlußnahme über dieselben, 2 Jnspectionen des
Rathhauses rücksichtlich der lokalen Dispositionen für die Aus-
schmückung und eine Schlußsitzung zur Anhörung und definitiven
Annahme des Referats. Jedes einzelne Mitglied war durch ein
vollständiges Exemplar des Wäsemann'schen Projekts, einschließ-
lich der dazu gehörigen Zeichnungen über die lokale Disposition,
in den Stand gesetzt, das gegebene Material im Ganzen wie
im Detail genau zu prüfen und sich darüber ein Urtheil zu
bilden.

Die Ergebnisse unsrer Verhandlungen, welche Ihnen im
Folgenden dargclegt werden sollen, zerfallen in zwei besondere
Abschnitte: der erste betrifft die Principien, von denen die
Kommission ausgehen zu müssen glaubte, der zweite soll ein
klares und übersichtliches Bild gewähren von der Gesammt-
hcit der plastischen und malerischen Motive, welche
die Kommission in Vorschlag bringt, namentlich auch in Rück-
sicht aus den organischen Zusammenhang, der zwischen
den nach den besonderen Lokalitäten geordneten einzelnen Motiv-
cyklen obwaltet.

A. Aic prmcipieüe §cite der Dusschmiichungsfrage.

Was die principiclle Grundlage für die sachlichen Verhand-
lungen der Kommission betrifft, so kamen zwei Punkte dabei in
Betracht, nämlich einestheils die Stellung der Kommission
zum Wäsemann'schen Projekt, andrentheils die ästhetisch-
praktische Seite der Frage.

1. In elfterer Rücksicht konnte man eine zwiefache Stellung zu
dem Projekt, als Gegenstand des Gutachtens, einnehmen, indem
man entweder dasselbe sowohl im Ganzen wie in Betreff der ein-
zelnen Punkte einer Kritik unterwarf, eventuell dasselbe annahm
oder ablehnle: oder aber indem man — ganz davon absehend —
ein selbstständiges Projekt ausstelltc.

Letztere Modalität wurde, nachdem sich die Kommission über
die ästhetischen Principien geeinigt, als die opportunste erkannt.

Bei aller Anerkennung des Wäsemann'schen Projekts, namentlich
in Rücksicht auf die große Fülle und Mannigfaltigkeit der darin
zur künstlerischen Darstellung empfohlenen Motive sowie Uber deren
streng chronologische Anordnung, glaubte die Kommission doch
das Hauptgewicht nicht sowohl aus die historische als auf die
künstlerische Seite der Frage legen, d. h. die künstlerische
D ar stellbarkei t der Motive und ihre Fähigkeit, sich gemäß
den verschiedenen Lokalitäten in besondere Cyklen zu glie-
dern, als erstes Princip aufstellen zu müssen. Hierdurch war
von vorn herein eine ganz andere Basis für die Aufstellung der
einzelnen Vorschläge gegeben, und die Kommission genöthigt, von
dem Gedankengange des Projekts abzusehen. Nichtsdestoweniger
hat sie sich, wo es irgend zulässig schien, den in dem Projekt
angegebenen Motiven zu akkommodireu gesucht, und wenn trotz-
dem die Abweichungen der beiden Projekte von einander, sowohl
in dem Gesammtgedanken als in der organischen Gliederung
und Vertheilung der Motive, qualitativ wie quantitativ sehr
wesentlich sind, so liegen eben die Gründe in der Verschiedenheit
der Ausgangspunkte für die beiderseitigen Jdeenreihen.

2. Was die ästhetisch-praktische Seite der Frage betrifft,
so machte sich in entschiedenster Weise die Neberzeugung geltend,
daß ein klares und positives Resultat nicht zu gewinnen sei,
wenn nicht von vorn herein ein Grundgedanke für die
gesammte Ausschmückung aufgestellt würde, und sodann,
wenn nicht rücksichtlich der Einzelmotive 1. die äußere Aus-
schmückung streng von der inneren, 2. die plastische
von der malerischen getrennt würde. — Diese Fragen be-
schäftigte die Kommission, wie bemerkt, zuerst, und die Erledigung
derselben hat ihr die späteren Verhandlungen iiber die Disposition
der Motive sowohl wie über ihren positiven Inhalt ungemein
erleichtert.

Da das Resultat unsrer Besprechungen über diese principiellen
Vorfragen für das Verstäudniß der positiven Vorschläge in ihrer
Gliederung wie für sich von Wichtigkeit ist, so müssen hier
einige Andeutungen darüber vorausgeschickt werden.

A. Der Grundgedanke für die gesammte Ausschmückung
ist bedingt durch die Thatsache, daß es sich handelt:

1. um einen großen Monumentalbau —

2. um einen Monumentalbau der Residenz eines
mächtigen Staates —

g. um einen Monumentalbau für kommunale Zwecke.

Wenn nun die künstlerische Ausschmückung, entsprechend dieser
dreifachen Bestimmung des Baues selbst, ein Spiegelbild der Be-
deutung desselben, als des Centrums der städtischen Verwaltung,
als des architektonischen Symbolums des bürgerlichen Lebens
unsrer Residenz zur Anschauung zu bringen hat, so war dabei
auf das sociale und kommuualgeschichtliche Moment zu-
nächst, auf das politische und dynastische insoweit Rücksicht
zu nehmen, als es mit der Entwicklung des städtischen
Lebens in direkter Beziehung steht.
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