Die Dioskuren: deutsche Kunstzeitung ; Hauptorgan d. dt. Kunstvereine — 10.1865

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Waffenträger und führt das muthige Streitroß Buce-
phalus; die reiche Gewandung darauf folgender Reiter
bezeichnet diese als Feldherren zum Unterschiede von den
in einfacherer Tracht sich anschließenden gewöhnlicheu Krie-
gern, von denen der eine nur mit Mühe das sich bäu-
mende Roß im Zaume hält, ein anderer den verlorenen
Zügel wieder zu ergreifen sucht, ein dritter nach dem
Hintermanne sich umkehrt u. dgl. m.

Auf eine Abtheilung Fußvolk folgt ein reich mit
Trophäen beladener Elephant, zu dessen Seite ein gefan-
gener Perser geht, dem die Hände auf den Rücken ge-
bunden sind. Zuletzt sieht man aus einem Palmenwalde
andere zur Armee gehörige Männer hervortreten, unter
denen, beiläufig bemerkt, Thorwaldsen in dem für den
Grafen Sommariva gearbeiteten „Alexanderzug" jenen
und sich selbst porträtirte. Kehren wir jetzt wieder zur
Mitte der Darstellung zurück, so sehen wir den Wagen
Alexanders von einer Friedensgöttin aufgehalten. Darauf
den Befehlshaber der Stadt, Mazäus, der ihm mit sei-
nen Kindern entgegeugeht, um die Schlüssel der Stadt
zu übergeben. Mädchen bestreuen mit Blumen die Wege,
und silberne Altäre mit Opfergaben werden errichtet auf
Befehl des Hüters der Burg, Bagophanes, den wir in
orientalischer Tracht danach erblicken. Löwen, Panther
und Pferde läßt die Stadt Alexander als Geschenke zu-
führen, denen sich auf verschiedenen Instrumenten spielende
Chaldäer anschließen; auch eine Schafheerde wird jetzt
gleichfalls als Geschenk für den Sieger, unter den Stadt-
mauern vorbeigetrieben, über die mehrere Neugierige
herunterschauen. Die Lage der Stadt an dem Euphrat
zeigt uns die Gestalt eines gelagerten Flußgottes, weiter-
hin ein Kahn mit drei Schiffern, die Maaren zur Stadt
bringen, und ein Fischer, dem an der Angelruthe eine
Beute schwebt. So tritt uns klar und durchsichtig, wie
der Gedanke des Künstlers, das Bild entgegen. Ein
beängstigendes, unruhiges Gedränge sehen wir nirgends,
aber überall ein kräftig pulsirendes Leben.

Wenn wir auch vieles übergehen müssen, dürfen wir
doch zwei Kompositionen nicht unerwähnt lassen, die durch
vielfache Nachbildung in Ghps und Thon weiter bekannt
geworden sind, die „Tages-" und „Jahreszeiten", diese zu-
gleich mit Beziehung auf die Lebensalter, jene auf Leben
und Tod. — Auf dem einen Relief sehen wir „Eos" mit
der ganzen Weihe des heiligen Morgens übergossen, im
Fluge dahineilen, sich umschauend nach einem Genius auf
ihrem Rücken, der freudestrahlend die Fackel schwenkt,
während auf dem andern Relief die „Nacht" ernsten und
gesenkten Blickes den Aether durcheilt, in dem einen

Arme ein schlafendes, in dem andern ein entschla-
fenes Kind, ähnlich und doch verschieden wie das Bru-
derpaar des Todes und Schlafes selbst in der Vor-
stellung des Alten. Diese Fassung scheint ihm die Stille
der Nacht offenbart zu haben, wenigstens erhob er sich
eines Morgens in der Frühe, den Entwurf jenes Bildes
auf seine Tafel zu zeichnen. In den vier Reliefs der
„Jahreszeiten" ist uns durch Kinder und Blumen auf dem
ersten ebenso der „Frühling" des Lebens und der Natur
bezeichnet, wie auf dem zweiten der „Sommer" derselben
durch ein liebendes Paar in dem reifen Aehrenfelde; und

während das dritte in dem von der Jagd und mit Trauben

zur Gattin und dem Kinde heimkehrenden Manne den
„Herbst" und das Maunesalter darstellt, zeigt uns der
Greis mit den erstarrten Händen über dem wärmenden
Kohlenbecken und die Greisin am Reste des Rockens den
„Winter" als die Neige des Jahres zugleich und des

Lebens.

Die Zimmer der oberen Etage sind zumeist den

Kunstsammlungen, die in Thorwaldsens Besitz waren,
eingeräumt. Wo unten die Wände mit Reliefs geziert
waren, sind sie es hier mit Gemälden, deren er einige
hundert von verschiedenem Werthe besaß; denn manchen
jungen Künstler unterstützte er durch Ankauf von dessen
Erstlingswerken. In dem Fond der Zimmer begegnen
wir aber noch einigen Marmorwerken; „Bacchus und
Ariadne", einem stehenden und sitzenden leyerspielenden
„Amor", einer „Psyche" und besonders einem „Tanzenden
Mädchen", das durch die Leichtigkeit und Grazie seiner
Bewegungen den Beschauer vorzugsweise fesselt.

Auf der andern Seite sehen wir seine Bibliothek,
seine verschiedenen in Gefäßen, Münzen, Gemmen u. s. w.
bestehenden griechischen römischen und ägyptischen Alter-
thümer und im letzten Zimmer einen Theil seines Mobi-
liars, und einige Lieblingsbilder an den Wänden; außer-
dem steht hier das angefangene Modell der „Luther-Büste",
an dem er noch an seinem letzten Morgen arbeitete und
an der Wand in Zügenj, die für Laien kaum erkennbar
sind, der schon erwähnte Kreide-Entwurf zum „Genius
der Skulptur".

Und damit verlassen wir den Tempel eines echten
Priesters der wahren Kunst, der, auch auf dem sittlichen
Gebiet seines hohen Berufes sich bewußt, mit sicherem
Gefühle über alle Manier und Verzerrung vorhergegan-
gener Zeiten sich erhebend, wieder zurückkehrte und an
dem ewig lebenskräftigen Borne der griechischen Schön-
heit schöpfte.

Korrespondenzen.

v Stuttgart, Mitte April. (Permanente Aus-
stellung.) (Schluß). In der Landschaft ist unstreitig
das Bedeutendste eine „Karavane in der Wüste" von
A. Pasini, mit Staffage von A. v. Kotzebue. Das
Gemälde imponirt durch seine großartige Anlage und fesselt
durch die in demselben ausgesprochene, geradezu ergreifende
Wirkung. Wohl selten hat es ein Künstler in diesem Grade
verstanden, mit einer solchen Wahrheit die weite, öde Land-
schaft der Wüste zu malen. Wir glauben uns inmitten
derselben hineinversetzt, die drückend schwüle, bleierne Mit-

tagshitze zu fühlen, welche dieses unabsehbare, nur von
einzelnen Felsrippen unterbrochene Sandmeer durchglüht,
durch das, in Staub gehüllt, die Karavane dahinzieht.
Das Bild ist zugleich mit einer Sicherheit gemalt, wie
sie nur aus dem unmittelbaren Anschauen der Natur her-
vorgehen kann. Der breiten, flotten Behandlung der
Landschaft schließt sich in gleichem Vortrage die vortrefflich
gemalte Staffage A. v. Ko tzebue's an, wodurch das Bild
einheitlich wirkt und nicht wie von zwei Künstlern gemalt
erscheint. Nächst diesem bedeutenden, im Besitz des Königs
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