Die Dioskuren: deutsche Kunstzeitung ; Hauptorgan d. dt. Kunstvereine — 10.1865

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sich gelöst haben und über ihre Schultern fallen, zusam-
menfaßt. Ein Bursche von 12—14 Jahren mit .der phry-
gischen Mütze der neapolitanischen Fischer folgt mit blitzen-
dem Auge und neugieriger Aufmerksamkeit allen Bewegun-
gen des noch jugendlichen Salvator Rosa. Im Hinter-
gründe bemerkt man eine Frau, die — nach den Wein-
blättern zu urtheileu, welche noch ihr Haar kränzen —
ebenfalls als Bachantin „gestanden" hat^), und zwei an-
dere Banditen mit wilder Miene, von denen der eine
eine blaue Mütze, der andere den Helm der Infanterie
des 17. Jahrhunderts trägt, und welche beide sehr wenig
Interesse für den künstlerischen Reiz der Gruppe zu haben,
auch der künstlerischen Arbeit ihres jungen Gefangenen
wenig Wichtigkeit beizulegen scheinen.

Außerdem befinden sich noch zwei große Figuren im
Vordergründe, welche mit zwei anderen im Mittelgründe
nebst zwei Kindern und drei Figuren im Hintergründe
das Ensemble vervollständigen. Dazu ein Himmel vom
heitersten Blau, wie ihn die Abbruzzen haben, ohne weite-
ren landschaftlichen Hintergrund. Das ist der Inhalt
des Bildes.

Die Anordnung der Scene ist sehr gut erfunden und
beweist ein bemerkenswerthes Verständniß des physiogno-
mischen und geberdlichen Ausdrucks. Die Zeichnung ist
korrekt, die Farbe warm, reich und durchsichtig. Das In-
karnat zeigt große Feinheit der Töne. Was die Beleuch-
tung betrifft, so bringt sie alle Figuren mit großer Ent-
schiedenheit zur Geltung, ohne der Totalwirknng an Kraft

*) Hat der Künstler nicht vielmehr damit andeuten wollen,
daß. die Scene keineswegs arrangirt war, sondern daß Salvator
Rose zufällig auf diese Gruppe gestoßen, welche mit der den
Süditalienern eigenen Neigung zum klassischen Tanz eine Bac-
chantenscene anfgeführt? Rosa hätte dann eine von den als Bac-
chantinnen geschmückten Frauen gebeten, ihm einige Augenblicke
als Modell zu dienen, während dessen der Tanz geruht.

Anmerk. d. Red.

oder Harmonie etwas zu rauben. Die Hauptfigur des
Bildes ist die Bacchantin, ein bewundernswürdig schönes
und aumnthiges Weib, dessen Ausdruck zugleich leiden-
schaftlich und schamhaft ist, ohne daß hierdurch der über-
nommenen Charakterrolle Eintrag geschähe. Der Künstler
hat hierin ein feines Gefühl für ausdrucksvolle Panto-
mimik und ein eingehendes Studium der physiognomi-
schen Charaktersckilderung bethätigt, ebenso wie der Figur
des Salvator Rosa, die mit großer Wahrheit in Haltung
und Ausdruck zur Darstellung gebracht ist. Endlich ist
auch das kleine Mädchen mit dem Tambourin eine rei-
zende Schöpfung.

Die glückliche Idee des Gegenstandes, die Anordnung
des Ganzen, die richtig getroffene Stellung jeder Figur,
die energische und doch harmonische Lebendigkeit der Töne,
die breite und technisch gewandte Behandlung legen für
das Talent des Herrn von Menezes ein höchst günstiges
Zeugniß ab.

Es giebt in diesem Bilde einige reizende Gesichter,
die durch ihre Aehnlichkeit mit wirklichen Wesen zu den
sonstigen künstlerischen Vorzügen des Bildes -noch ein tiefe-
res Familieninteresse hinzufügen.

Das Bild des Herr von Menezes — so schließt der
Berichterstatter — ist unter den zahlreichen Arbeiten dieses
ebenso unermüdlichen wie uneigennützigen Kunstfreundes
dasjenige, welches am meisten der Aufmerksamkeit würdig
ist und einen Beweis liefert, welchen Aufschwung die Kunst
in Portugal zu nehmen beginnt, ohne daß ihr, sei es offi-
cielle Ermuthigung sei es Theilnahme des Publikums
bisher zu Theil geworden. Denn wenn die Künste bei
uns noch weit davon entfernt sind eine bedeutende Höhe
der Ausbildung erreicht zu haben, so darf nicht übersehen
werden, daß auch der Sinn für die Kunst und der Ge-
schmack an Kunstwerken sich ebenfalls nur bei einzelnen
Personen von hervorragender Bildung findet."

Nürnberg.

Beiträge zur Physiognomik alter Städte.
(Forts.)

s wurde am Schluß des letzten Artikels
^-bemerkt, daß es uns bei dieser allgemei-
"• nen Betrachtung Nürnbergs weniger um
eine Aufzählung oder gar Beschreibung
der zahlreichen Bauschätze dieser merk-
würdigen Stadt als um eine Schilderung
ihres physiognomischen Charakters zu thun
sein kann. In dieser Beziehung kann
Nürnberg als der Prototyp der alten mit-
telalterlichen Städte gelten, da sich in keiner
andern das ursprüngliche Gepräge der ho-
hen Kunstblüthe des deutschen Mittelalters
und der allgemeinen soliden Geschmacksbildung jener Zeit
so rein erhalten hat.

Dies Gefühlter Ursprünglichkeit ist es, welches im
Verein mit der Erinnerung an bestimmte Namen wie Al-
brecht Dürer, PeterBischer, Adam Kraft u. a. m.

Nürnberg für jeden Deutschen zu einer Art Reliquie ge-
macht hat, zu einem Symbol ehemaliger Größe und Ein-
heit deutscher Kunst und deutschen Wesens überhaupt.
Das Wort „Nürnberg" allein übt einen eigeuthnmlichen
Zauber auf jeden auö, welcher ein deutsches Herz und
deutschen Sinn sich bewahrt hat. Und wandern wir
nun durch seine pittoresken Straßen, betreten wir seine
malerische Plätze, schauen wir auf seine ehrwürdigen,
epheuumrankten Wälle und Bastionen, lassen wir unsere
Blicke an den gothischen Portalen ihrer Kirchen, an den
spitzen Giebeln, den bunten Erkern und geschnitzten Dach-
firsten ihrer Häuser entlang schweifen, so steigen zugleich
vor unserm inneren Auge die alten Patricier- und ehr-
samen Bürgerfiguren, wie sie ernsten Schrittes ihrem Beruf
nachgingen, als eine Staffage empor, welche der Umgebung
das alte wunderbare Leben wieder einhaucht. In andern
alten Städten finden wir auch nicht mehr oder minder
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