Die Dioskuren: deutsche Kunstzeitung ; Hauptorgan d. dt. Kunstvereine — 17.1872

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Kunstkritik.

Die skMerniMe Junst-Auöstellung in Serlin.

(Fortsetzung.)

I. Malerei. (Forts.)

3. Allegorien und Mytholo-
gisches; Sage. (Schluß.)

as „Volkslied" von Ad alb. Begas ist durch
ein junges Mädchen mit krausen Locken, in ein
graues Gewand gehüllt, allegorisirt; mit der
Rechten greift es in die Saiten einer neben
ihr stehenden Harfe, während die Linke einen
Büschel Mohnblumen — wohl um das Traum-
hafte und Phantastische im Volksliede anzu-
deuten — hält. — „Die Nacht" und „Der
Tag" sind zwei Seitenstücke, welche ihrer kreisrunden Form halber,
wie es scheint, für ein Wandgetäfel bestimmt sind. Sie sind von
Schrödl gemalt und stellen in halben Figuren weibliche Gestalten
dar. Die „Nacht" ist, in sitzender Stellung, schlafend, zur Hälfte
in ein braunes Gewand gehüllt. Sternenhimmel nnd Mond deuten
die Zeit an; in der Ferne schweben, umspielt vom bleichen Schimmer
des Mondes, zwei geflügelte Genien, deren einer das Schweigen an-
zudeuten scheint. Der „Tag" ist eine lebensfrische weibliche Gestalt,
von der man nur den Rücken sieht. Auch hier sind zwei genienartige
Knaben angebracht, von denen der eine, links, mit Blumen spielt,
während der andere auf einer Tafel im Buchstabiren unterrichtet
wird: Spiel und Arbeit, als Begleiter des Tages. — Bereits auf
der Grenze zwischen Allegorie und Sage steht Paul's „Erweckung
Barbarossa's". Der Kaiser Barbarossa sitzt nach der alten Sage
in der unterirdischen Felsburg schlafend, gleich einer Statue, auf
einem thronartigen Sockel. Ein Edelknabe berührt seinen linken Arm
und weist zugleich auf die heranschreitende Gestalt der „Germania",
welche unter einer Bogenhalle erscheint.

Als einen bemerkenswerthen Fortschritt betrachten wir es, daß
wir von mythologischen Darstellungen nur eine einzige namhaft zu
machen haben, die der Erwähnung Werth ist. Es ließ sich erwarten,
daß Schlösser durch die officielle Anerkennung seiner mythologisiren-
den Neigungen vermittelst einer akademischen Medaille nichts weniger
als abgeschreckt werden würde, diese den wahren Aufgaben der ge-
läuterten modernen Kunst durchaus widersprechenden Richtung weiter
zu kultibiren. Er hat diesmal ein großes Gemälde zur Ausstellung
gesandt, welches den Titel trägt: „Thetis von Peleus überrascht",
welches im Styl der Nachfolger Raphaels, namentlich des au solchen
Darstellungen fruchtbaren Giulio Romano, behandelt ist. Natürlich
ist es hier, gerade wie bei der vielgenannten „Venus Anadyomene",
auf weiter Nichts als auf nacktes Mädchensteisch abgesehen, in dessen
gelungener Darstellung — nach der Ansicht der Akademie — „die
Kunst zu allen Zeiten ihre Glorie gesehen hat." Da wir uns über
diese Richtung bereits hinlänglich explicirt haben, so wollen wir uns
hinsichtlich des Schlösser'schen Bildes nur mit der Bemerkung be-
gnügen, daß im Ganzen genommen diese Arbeit merklich schwächer
ist als die oben erwähnte frühere, und zwar nicht nur hinsichtlich
der ziemlich hölzernen Komposition, sondern auch in Betreff des
mehr und mehr den Ton von Kalbleder annehmenden Inkarnats.
Es ist nur eine Figur darauf, die sitzende nämlich, wirklich schön
empfunden, während die anderen ganz unbedeutend, zum Theil miß-
lungen sind, und namentlich die Hauptfigur, die Thetis, wie eine
Ballettänzerin daherschreitet.

Wir wenden uns nunmehr zu einer erfreulicheren Reihe von
Bildern, nämlich zu den Darstellungen aus der deutschen Sagen-
welt, wovon die Ausstellung mehrere Arbeiten aufzuweisen hat.

Wenn in der antiken Mythe für unsere moderne Empfindung
etwas abstrakt Idealistisches liegt, was der realistischen Darstellung
durch die Farbe überhaupt, namentlich aber durch koloristische Be-
handlung, wie sie dem Staffeleigemälde eigenthümlich ist, widerstrebt,
so scheint die Behauptung nicht ungerechtfertigt, daß dies idealistische
Element nicht blos der antiken Mythologie, sondern der Sage
überhaupt, besonders aber dem „Märchen" — weil es oft unter
der Hülle genremäßiger Drastik den Schein reiner Phantastik ver-
birgt — iunewohne. Dennoch ist zwischen beiden Darstellungs-
Inhalten ein großer Unterschied.

Die Antike haben wir erst durch's Studium kennen gelernt,
die Gestalten des Märchens sind unsrer Kinderphantasie als phan-
tastische Wirklichkeiten eingeimpft worden. Nicht der Professor in
der staubigen Tertia des Gymnasiums, sondern die Großmutter im
geheimnißvollen Zwielicht des Dämmerstübchens, die Amme, das
Kindermädchen waren die Lehrer, aus deren Munde das Kind
mit glänzenden Augen und gläubigem Ernste die Schicksale des
Dornröschens, des Däumlings u. s. w. vernahm. Dergleichen
mit dem Kindheitsglauben verwachsene Phantasien behalten für alle
Zeit nicht nur ihren poetischen Zauber, sondern auch ihre poetische
Wirklichkeit: darin liegt der tiefe Unterschied, den nur Der nicht
fühlen und anerkennen mag, der niemals als Kind um das Schicksal
des armen Aschenbrödels eine Thräne vergoß, niemals dem kleinen
Rothkäppchen mit Zagen durch den Wald folgte, wo ihm der böse
Wolf begegnete.

Dennoch, so groß der Unterschied zwischen der Mythe und der
Sage als Motiv künstlerischer Darstellung sein mag, so bleibt auch
der Sage immer etwas Ideales anhaften, das sich der naturalistischen
Behandlung entzieht. Im Allgemeinen eignet sich die Sage mehr
für die poetische als für die malerische Darstellungsform; wählt
aber der Maler einen sagenhaften Stoff, so darf er vor Allem nicht
in den Fehler verfallen, das phantastische Gewebe desselben bis in
seine einzelne Maschen hinein erklären zu wollen. Der allgemeine
Sinn des Märchens hat allerdings einen beziehungsvollen Jdeen-
fond, aber die weitere Ausmalung und Gestaltung desselben kon-
krescirt sich dann zu realen Detailsormen, welche der „Fabel" das
Gepräge einer der allgemein-menschlichen Lebenssphäre nachgebildeten
Wirklichkeit zeigen, die mit jener idealen Phantastik nichts weiter zu
thnn hat, sondern nur ornamentale Bedeutung besitzt. Auch in der
antiken Mythe, z. B. in der „Fabel der Psyche", worin die Be-
ziehung der Seele zum erwachenden Gefühl der Liebe versinnbild-
licht wird, klingen solchen willkürlichen und nur durch die Forderun-
gen des novellistischen Gewebes bedingten Details neben Andeutungen
symbolischer Bedeutung durch den sagenhaften Stoff hindurch. Aber
zwischen der reinen Allegorie, wie sie sich z. B. in den Parabeln
des neuen Testaments darstellt, und der märchenhaften Idylle waltet
der große Unterschied, daß in jener das äußerlich Thatsächliche nur
durch seine Beziehung auf einen abstrakten Gedanken Werth und
Bedeutung besitzt, während an den konkreten Inhalt des Märchens
ein poetischer Glaube möglich ist.

Wenn es daher geradezu eine Unmöglichkeit ist, eine „Parabel"
zu malen — weil Das, was gemalt werden kann, mit der Parabel
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