Die Dioskuren: deutsche Kunstzeitung ; Hauptorgan d. dt. Kunstvereine — 17.1872

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gar nicht gemeint ist, z. B. mit der „Parabel vom Säemann" nicht
ein ackerbautreibender Bauer, mit der „Parabel vom wiedergefundenen
Lamm" kein Schäfer, der einen Hammel verloren hat —, so ist
die malerische Behandlung sagenhafter Stoffe, insbesondere des
Märchens, unter Beobachtung gewisser ästhetischer Forderungen hin-
sichtlich der technischen Behandlung, sehr wohl möglich. Denn Das,
was dargestellt wird, hat, wenn auch nur im poetischen Sinne, un-
mittelbare Wirklichkeit, seine Wahrheit liegt nicht dahinter ver-
borgen, sondern es ist der dichterische Vorgang selbst und nicht nur
seine bloße Beziehung auf einen uudarstellbaren, weil abstrakten Ge-
danken, worin seine Bedeutung wurzelt.

Das bedeutendste Werk dieser Gattung auf der Ausstellung
ist das „Dornröschen" von A. Tschautsch. Unsre Leser erinnern
sich vielleicht noch der „Scene aus der Fritjofssage", welche der
Künstler vor zwei Jahren ausgestellt hatte. Damals hatten wir
Veranlassung, die Bemerkung zu machen, daß die Darstellung kalt
lasse, weil ihr der Zauber des Sagenhaften fehle, jene dichterische
Mystik, welche durch alle dichterische Realität der Gestalten hindurch
wie ein Ton aus dem Jenseits berührt und rührt. Wir tadelten
darin die triviale Tagesbeleuchtung, die ganz äußerliche naturalistische
Lokalisirung der Töne, welche es verhindert, daß der Beschauer der
Gegenwart entrückt und in die Dämmerungssphäre sagenhafter Ge-
staltung versetzt werde.

In dem diesmal zur Ausstellung gebrachten Bilde hat der
Künstler diese Fehler vermieden. Die Komposition ist dreifach ge-
gliedert; sie besteht aus einem größeren Mittelstück und zwei
kleineren Seitenstücken, welche drei Hauptmomente aus dem Mär-
chen vom Dornröschen veranschaulichen. In dem ersten Seitenstück
ist die Scene mit der gefährlichen Spindel dargestellt, im Mittel-
stück der Moment, in welchem die Hof-Gesellschaft bei dem Bankett
in Schlaf versinkt, in dem zweiten Seitenstück der Augenblick, wo
Dornröschen von ihrem Befreier aus dem Schlaf geweckt wird.
Wenn letztere Darstellung durch Lieblichkeit an das Gemüth des
Beschauers spricht, so zieht das Mittelstück durch Reichthum an
Gruppirung und eine Menge feiner humoristischer Züge nicht minder
die Aufmerksamkeit auf sich. Alles ist in Schlaf gesunken, selbst der
wachehaltende Soldat im Vorgrunde schläft im Stehen, der Prälat,
die Pagen, die Edelfräuleins und der Narr, bis auf die bunten
Pfauen an dem offenen Fenster. Ein phantastischer Hauch durch-
zieht das Ganze, der dem Charakter dieses Märchens angemessen ist.

Die Sage von „Aschenbrödel" ist ebenfalls und zwar mehrmals
zum Gegenstände der Darstellung gewählt worden. Gustav Bartsch,
der Illustrator der „Deutschen Märchengestalten", hat den Moment
dargestellt, da Aschenbrödel der Schuh angepaßt wird, worüber nicht
nur der Prinz, sondern alle seine Begleiter in Erstaunen gerathen.
Dem Kolorit fehlt es weniger an Kraft, als an harmonischer Durch-
arbeitung der kontrastirenden Tonlagen. Wenn alle Farbengegensätze
um einen Grad herabgestimmt wären, so würde die Wirkung eine
wohlthuendere sein. Ohnehin dünkt uns, daß für Sagenmotive eine
so realistische Koloristik überhaupt nicht wohl angebracht ist. Die
Gruppirung der zahlreichen Figuren ist ebenso sorgfältig geordnet
wie verständlich, überhaupt das Ganze mit großem Fleiße gearbeitet.

4. Zeit- und Kulturbilder.

Unter unfern bedeutenderen Künstlern giebt es eine nicht un-
beträchtliche Zahl, welche aus bestimmten Kulturschilderungen eine
Specialität sich geschaffen haben, indem sie die Eigenartigkeit ein-
zelner Nationaltypen sowohl in physiognomischer wie in kostümlicher
Beziehung zum Gegenstände eines eingehenden Studiums machen
und dieselbe mit liebevoller Detaillirnng des Charakteristischen zur

Anschauung bringen; so Gentz die Bewohner von Cairo und der
Wüste, Stryowsky die polnischen Juden und die Flissaken,
Cretius die Italiener, A. Burger die Wenden des Spreewaldes,
Nordenberg die Schweden und Norweger, Philippi die Sam-
länder u. s. f. Oft verbindet sich mit der blos ethnographischen
Schilderung ein bestimmtes genrehaftes Interesse, wie es z. B.
Rud. Jordan seinen meisterhaften Darstellungen von den Fischern
der Nordseeküste zu verleihen weiß. — Wird dagegen von dem
Künstler der Hauptaccent auf das ethnographische Element gelegt, so
tritt als bedeutsam noch ein anderes Moment hinzu, das bei dem
eigentlichen Genre mehr oder weniger indifferent ist, die land-
schaftliche oder architektonische Umgebung nämlich.

Wir beginnen mit denjenigen Gemälden, welche das Leben des
Alterthums schildern, und da bietet sich denn zunächst das ebenso
großartige wie räumlich kolossale Bild Gustav Richter's „Der
Bau der ägyptischen Pyramiden" unserer Aufmerksamkeit dar. Das
für das Maximilianenm in München bestimmte Gemälde ist in hohem
Format gehalten, was dem Künstler gestattete, die Thätigkeit beim
Pyramidenbau in ihrer ganzen Mannigfaltigkeit zu zeigen und zu-
gleich noch Raum für höchst wirksame Mittel- und Vordergrund-
gruppen zu gewinnen. Es ist der Moment gedacht, da der Pyramiden-
bau soweit vorgeschritten ist, daß der eigentliche Kern des kolossalen
Bauwerks, das Grabmal des Königs, von der einen Seite, seiner
Lage und Gestalt nach, noch zu erkennen ist, während rings herum
und auch nach der Höhe zu die ungeheuren Steinquadern, woraus
der Bau besteht, bereits die übrigen Seiten bedeckt haben. Die
Situation spricht sich mit vollkommener Klarheit aus: jenen Moment
vor der Vermauerung der letzten Seite, nach welcher das Grabmal
nur noch durch einen schmalen Gang, der durch den Steinkoloß führt,
zu erreichen sein wird, während der kleine geheiligte Raum für
immer dem Tageslicht entzogen bleibt, hat der Baumeister für ge-
eignet gehalten, um den König einzuladen, den Bau und das Grab-
mal in Augenschein zu nehmen. Und der König wie auch die Königin
sind der Einladung gefolgt: auf einem vergoldeten portativen Thron,
der von äthiopischen Sklaven getragen wird, sitzend, schaut der König
auf das gewaltige Werk, während ihm der Baumeister, auf die mit
dem Plan desselben versehene Tafel deutend, die Einzelheiten erklärt.
Inzwischen hat die Königin ihre Tragbahre bereits verlassen und
steht, eine hoheitsvolle Erscheinung, in ruhiger Haltung da, eben-
falls auf die Erläuterungen des Baumeisters hörend. Indessen
hört die Arbeit nicht auf. Bis zum Vordergründe erstreckt sich die
aus starken Balken gebildete Bahn, auf welcher, theils an Stricken
gezogen, theils geschoben, die großen Steinquadern nach dem Bau
hin bewegt werden. Die Lässigen werden durch die Geißel des
Sklaventreibers zu erhöhter Anstrengung angespornt; namentlich ge-
hört hierher die prachtvolle Vordergrundsigur des Israeliten —
seine hellere Farbe, sowie sein Gesichtstypus, deuten auf seine Ab-
stammung —, welcher nur widerwillig sich gegen den Steinblock
stemmt und daher mit der Sklavenpeitsche bedroht wird. Links ist
aus rohen Baumstämmen, mit Palmblättern und Schilf bedeckt,
eine Art Pavillon angebracht, wahrscheinlich um den Arbeitern
während der Ruhestunden eine Zuflucht gegen die brennende Sonnen-
hitze zu gewähren. An dem einen Pfosten lehnt eine junge Aegyp-
terin, die einen Knaben aus einem Schlauch trinken läßt. Ueberhaupt
ist die ganze Scene durch zahlreiche Zuschauer und Zuschauerinnen
belebt, und namentlich sind die verschiedenen Racentypen in jedem
Alter und Geschlecht auf's Mannigfaltigste und in höchst charak-
teristischer Weise vertreten. Und dies ganze, bunte Treiben ist durch
die Kraft des Pinsels zu einer Einheit gebracht, welche nirgend das
Gefühl der Verwirrung aufkommen läßt. (Forts, folgt.)

Kommissions-Verlag der Nicolai'schm Verlags-Buchhandlung (A. Effert & 8. Lindtner) in Berlin. — Druck von H. Theinhardt in Berlin.
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