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Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 36.1915

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Migge, Leberecht: Ein Aristokratischer Garten
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https://doi.org/10.11588/diglit.8676#0457

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HAUPTEINGANG DES LANDHAUSES DR. EMDEN-KL. FLOTTBEK. ERBAUT VON ARCHITEKT W. FRANKEL—HAMBURG.

EIN ARISTOKRATISCHER GARTEN.

VON LEBERECHT MIGGE— HAMBURG
ARCHITEKT FÜR GARTENBAU.

Sein sehr kritisch veranlagter Herr fand diesen
Teil seines großen und schön gelegenen
Besitzes schon immer nicht ganz im Einklang
mit der Umgebung. Dem, wenn möglich noch
strengeren Herausgeber dieser Zeitschrift haben
die hier vorgeführten Abbildungen zu wenig
Wirklichkeit eingefangen. Und auf mich selbst,
den unglücklichen Erbauer dieses Gartens hat
insbesondere die Unzulänglichkeit seiner Som-
merbepflanzung heuer im Kriegsjahre recht un-
befriedigend gewirkt. Es ist wirklich traurig!

Aber mit solcher allgemeinen und deutlichen
Mißstimmung über sein Äußeres ist dieses dick-
fellige Gartenstück noch nicht einmal zufrieden.
Es will auch seine organischen, seine inneren
und eigentlichen Schwächen beachtet wissen.
Da haben wir gleich einmal die große Vege-
tation. Sie ist kaum zeitgemäß zu nennen,
leider! Denn inzwischen, nach jener etwas tur-
bulenten Entdeckerzeit der flott gestellten
Bilder und grünen Plakate im Garten haben
wir uns ja doch der Fülle seines Wachstums
wiedererinnert, nicht wahr? Der Garten schämt

sich jetzt seiner natürlichen Herkunft nicht mehr
so arg. Solche für Gartenkultur unerläßliche
Typen, wie der altgeschichtliche Blumenlieb-
haber und der zielstrebige Pflanzenzüchter,
treten allgemach wieder auf, und wenigstens
unter den Spitzenreitern im deutschen Garten-
rennen ist es heute förmlich ein Prüfstein des
fortschrittlichen Schaffens, ob und wie die
Pflanzenschätze, die wir haben, nun auch im
Werk gewürdigt sind. — Demgegenüber spielen
meine simplen Laubengänge, Hecken und Haine
aus Linden, meine Rotbuchenmauern, die
schlichten Rabatten und Beete auf dem unbe-
wegten grünen Teppich denn doch eine, gelinde
gesagt, etwas vormärzliche Rolle.

So ungefähr müßte man auch urleilen, wenn
man weiter das Formenspiel dieser reichlich
rückschrittlichen Grünstätte aufmerksam be-
trachtet. Diese sauberen Rundbogen und starren
Schrägen, diese gleichmütig stufenden Terrassen
und Kaskaden, dieses hausbackene Backstein-
werk und ewig würfelnde Spalier — diese
ganze Notdurft, die ich auf einer damals im

XVIII. Siptember 1915. 7

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