Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 38.1916

Page: 41
DOI article: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/dkd1916/0054
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
WIENER KUNSTSCHAU IN BERLIN.

VON FRANZ SERVAES.

lente weiter und die unter Rollers einsichtigen
Leitung fortgedeihende Kunstgewerbeschule bot
und bietet dem Nachwuchs eine erfreuliche
Sammelstätte. So sind denn, wenn auch die
Gegenwart unergiebig scheint, keineswegs einer
zukünftigen Entwickelung alle Möglichkeiten
abgeschnitten; und wenn nach dem Kriege ein
junger organisatorischer Wille die Wiener Kunst-
verhältnisse in zielbewußte Arbeit nehmen
sollte, so wird es ihm an Stoff, den er zu be-
arbeiten hätte, nicht fehlen. Inzwischen bleibt
die zukunftkräftigste Wiener Kunst freilich ob-
dachlos und wenn sie sich einmal zu einer
öffentlichen Kundgebung sammeln will, dann
bietet sich ihr in Berlin eher eine Gelegenheit
als daheim. —

Auf diese Weise kommt es, daß wir jetzt in
der Berliner Sezession (Corinth-Gruppe) eine
„Wiener Kunstschau" zu sehen bekamen. Und
zwar sind es Klimt und seine Leute, die sich
dem berlinischen Geschmacksurteil dargeboten
haben. Sie sind ja nicht unbekannt in Berlin,
aber sie wirken doch stets ein wenig als Fremd-
linge. Eine gewisse Treibhauskultur scheint mit
ihnen zu kommen, die vielfach künstlerische
Blüten treibt und in ihrer überzüchteten Diffe-
renziertheit zuweilen bereits angekränkelt ist.
Selten gewahrt man Natur aus erster Hand. Vor
diesen Bildern muß man zumeist daran denken,
daß in der Welt schon unendlich viele Bilder
gemalt worden sind und daß alle jene Bilder

rh1-?1061 deutschen Kunststadt sind die Ver-
^ isse so gründlich verfahren wie in Wien.
ch dem schönen verheißungsvoll einsetzen-
e *\ Aufschwung um die Jahrhundertwende gab
Qort sehr bald ein Abflauen und dann ein
s völliges Versiegen des öffentlichen Inter-
u S.6s' ^ie Sezession, indem sie sich zerspaltete,
wu H r-Ub ihre Lebenskraft. Der Hagenbund
prUrde in dem Augenblick, da er sich zu voller
Die Yl entwickeln wollte, unedel beseitigt,
vor - mt£ruPPei in der sich die besten der
^artsstrebenden Elemente sammelten, blieb
•n n{e Heim. In den Wiener Werkstätten und
ütf a^ allen Kunstsalons gab es beeinträch-
sta ^\Krisen- Rechnet man dazu, daß in der
seu i Fürsorge, in der öffentlichen Mu-
fachd-eitUng'in der führenden Kunstkritik viel-
mußt besten Männer vom Platze weichen
schichr' so erhält man das Totalbild einer um-
in der ^ an£elegten, traurig mutlosen Reaktion,
Trot"!?n°he Blütenträume geknickt wurden.

bringen ?m War die Wiener Kunst nicht umzu'
der ß0 j Zuviel Talent war emporgesprossen,

Unterdr C? Selbst zu tragkräftig, als daß die

Werkgan k-nS Und Zersplitterung ihr übles

auch alle Z\hätten ver"chten können. Und wenn

ter» Orgfl11' ben der Mangel einer zielbewuß-

eitler zupniSftion und nicht minder das Fehlen

retl War Cnden finanziellen Energie zu spü-

neues Leb*0 keimte doch, vielfältig zerstreut,

en- Still und abseits schufen die Ta-
loading ...