Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 38.1916

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Wiener Kunstschau in Berlin.

CARL MOLL- WIEN.

GEMÄLDE »HERBST«

eine hochgestaffelte Ahnenkette bilden, die auf
dem Bewußtsein der nachschaffenden Künstler
mit einer gewissen Hemmung lastet. Es scheint
daher den Wiener Künstlern vielfach darum zu
tun zu sein, nur einen letzten, ja allerletzten
Extrakt zu bieten, allenfalls zu dem bereits
Geleisteten der früheren Jahrhunderte eine an-
mutige Glosse hinzuzufügen. In Berlin ist man
viel naiver, derber, zufassender. Da glaubt
man noch, daß man die Welt entdecken könne.
Da fühlt man sich noch jung und bärenstark.
Gleich Corinth ist solch ein Kerl, der trotz
nahender Sechzig noch wie am Anfang einer
Entwicklung steht. Bei Klimt aber ist alles

Endergebnis. Er schafft Kunst nur aus Kunst
und dichtet selbst das Gemälde in ein dekora-
tives Juwel um.

Dieser Grundvoraussetzung muß man bei
Klimt zustimmen, sonst findet man keinerlei
Zugang zu seiner Kunst. Aus Makart ist er
hervorgewachsen, durch Khnopff und Toorop
ließ er sich entscheidend weiter geleiten, in
Hodler und den Wiener Werkstätten fand er
die ebenbürtigsten Weggenossen. Keinerlei
hohe ästhetische Anregung hat Klimt jemals
verschmäht. Er ist ein Genie der Verschmel-
zung, wie es außer Raffael vielleicht nie eines
gegeben hat. Aber wie Raffael trotz all der
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