Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 38.1916

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Porzellane von Paul Scheurich.

von den farbig girrenden und flötenden, bellen-
den und quietschenden Grotesken des Paul
Scheurich. Nur, daß in vielen seiner Blätter
zugleich ein leises Erinnern an Spitzweg, an
diesen melancholischen Provisor und Pillen-
dreher, lebendig ist. Paul Scheurich ist die
graphische Apotheose der harmlosen Unmoral,
die in den intellektuell kokettierenden Kaba-
retts, bei den Marionetten und dem Ballett
lächelnd gedeiht. Die Figuren der russischen
Tänzer, die Scheurich für die Meißner Porzel-
lanmanufaktur modelliert hat, zeigen, daß er
auch beim plastischen Gestalten den Ernst der
kalten Welt überwinden und den Sinnen die
Freiheit Arkadiens auftun möchte.

Scheurichs Porzellane sind übermütig und
verlockend; man spürt an ihnen den hellen

Florettklang des harten Scherbens und das
Feuer, das ihn erglühte. Die Püppchen freuen
sich ihrer Nacktheit; wenn sie nach den Regeln
einer gewitzten Mode bekleidet sind, scheinen
sie erst recht Adam und Eva zu sein. Es ist
ihnen nichts verborgen geblieben; sie aber ver-
bergen temperierte Wallungen hinter einer
Maske des kühlen Unbeteiligtseins. Sie be-
wahren Distance; dadurch kommen sie uns nahe.
Sie haben einen Schimmer des Rätselhaften,
besonders dann, wenn ein plötzliches Er-
schrecken durch das Glück ihres gleißenden,
mit Farben geschmückten Daseins züngelt. Da-
bei sind sie immer schmerzhaft verliebt wie
Bajazzo und haben auf ihren Lippen stets einen
Vers von Oskar Wilde oder ein leichtfertiges
Bekenntnis zu Wedekind.....robert Breuer.
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