Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 38.1916

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RENEE SINTENIS

Auf einemniedrigen
ly. Bord in meinem
Arbeitszimmer ste-
hen seit etwa zwei
Jahren zwischen her-
bis, verbis et lapidi-
bus, zwischen Blu-
men, Büchern und
Steinen drei Figür-
chen, zwei aus Gips
und eine aus Bronze.
Es sind Frauengestal-
ten, die bronzene
in schwebender, die
beiden andern inHal-
tungen des Tanzes.
Nein, nicht in der
Hallung des Tanze's;
sondern sie träumen
von einem zukünf-
tigen Tanz, und aus
derTraumvorstellung
heraus erproben sie
unwillkürlich eine
Bewegung. Die eine
hebt sich mit ver-
schränkten Beinen
auf die Fußspitzen,
die Arme lässig auf
dem Rücken, das
ganze Figürchen bis
in den schlanken Hals
und Kopf hinauf in
sanfter, traumhafter
Drehung; die andere
faßt sich derber und
fester in die gleich-
falls hinterm Rücken
gehaltenen Arme, und

dementsprechend
derber setzt sie das
rechte Bein zu einem
imaginären Schritt
vor. Die beiden Tän-
zerinnen sind, wenn
es von Kunstwerken
erlaubt ist, diesen
Ausdruck zu gebrau-
chen, dasselbe Indi-
viduum, und jeden-
falls mit der Schwe-
benden derselbe Ty-
pus; es ist der Typus,
den alle weiblichen
Gestalten der Bild-

KENEE SINTENIS - BERLIN. »BRONZE-KLEINPLASTIK«

hauerin Renee Sinte-
nis ausdrücken.Seine
Haupt - Kennzeichen
sind der schmale,
lange Rumpf, der
ungewöhnlich hoch
und kräftig gewölbte
Brustkasten mit klei-
ner Brust und die
langen, kräftigen Bei-
ne mit starken Ober-
schenkeln, wobei in-
dessen als besonders
und auffallend cha-
rakteristisch zu be-
achten ist, daß in
diesem Fall der Be-
griff „stark" den Be-
griff „üppig" ganz
und gar ausschließt.
Wir haben es mit
Werken der Bild-
hauerkunst zu tun,
und also ist der leib-
liche Typus die iden-
tische, nicht bloß sym-
bolische, geschweige
denn allegorische Er-
scheinungsform des
Geistigen. Diese Ge-
stalten sind gerade
so wirklich, daß der
Beschauer in seiner
Freude daran auch
die naive Freude am
Weib nicht entbehrt,
und gerade so un-
wirklich, daß die For-
men und Linien ihr
eigenes, aller Wirk-
lichkeit entrücktes
Lied singen. Der Ty-
pus dieser Gestalten
bezeugt leiblich und
geistig eine ruhende
Energie, die sie sicher
ins Irdische pflanzt
und die sie jeden
Augenblick daraus
empor zu schwe-
ben fähig und bereit
macht. — Die Iden-
tität des Leiblichen
und des Geistigen ist
das, was wir Stil nen-
nen; Form ist die
Identität derlatenten
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