Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 38.1916

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ALICE TRUHNER t KARLSRUHE.

»KLEIDER-STILLEBEN MIT ROSENHUT c

LOS VOM „MAN"!

Ein ganz übler Herr dieser kleine „man". —
Wie oft wird er gerufen. Wo wird nicht
an seine Macht erinnert ? Jede Drohung mit
„man" — noch so nebensächlich ausgesprochen
— wirkt geradezu gebieterisch, unterwerfend,
deprimierend. „Man trägt jetzt", „man bevor-
zugt", „man kleidet sich jetzt", „man denkt
jetzt", „man schätzt, man verurteilt usw. usw.
jetzt", wären als Feststellungen von neuen Be-
obachtungen umso wertvoller, je früher sie uns
vermittelt werden, aber als kategorische Impe-
rative zur bedingungslosen Unterwerfung for-
dern sie Skepsis oder Protest heraus bei denen,
die eigenen Willens sind. Mit keinem Wort
wird so viel Unfug getrieben, so viel Macht von
Machtlosen erreicht, wie mit dem Wörtchen
„man". Das jüngste Lehrmädel braucht nur
den kleinen „man" zu zitieren und fast jede

„große Dame" bekommt so etwas wie Gehor-
sam und folgt schweigend, zustimmend dem
unfaßbar kleinen unbekannten „man" mit der
Allerweltsmiene. Denn nur „man" schützt
jeden, der sich ihm unterwirft, vor der Gefahr
eines intellektuellen Angriffs von dritter Seite.
Also brauchts nicht langer Unterhandlungen.
„Man" gebietet — „man" gehorcht. „Man"
ist Gott. Und wenn du auch den Namen deines
Gottes nicht unnützlich führen sollst — den
Gott „man" anzurufen ist nie unnützlich. Kein
Gott wird häufiger angerufen. Der Schwur auf
„man" kennt keine Formel. Was „man" tut,
denkt, unterläßt, ist ohne weiteres heilig. Auf
allen Gebieten des Denkens, Glaubens, Schaf-
fens. Wer kann so rasch, so gründlich, so
streng uniformieren wie „man"? Wer sein
Gesetz so oft ändern, ohne die geringste
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