Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 46.1920

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ALTDEUTSCHE UND ALTNIEDERLÄNDISCHE MALEREI

IHRE WIEDERERWECKUNG UND WERTUNG IN DER NEUEREN DEUTSCHEN KUNSTGESCHICHTE.

Es War um die Wende des 18. und 19. Jahr-
hunderts, als unter Führung Friedrich
Schlegels eine geistige Gemeinschaft sich bil-
dete, die unter dem Eindruck der gewaltigen
Politischen Umwälzungen, die in jenen Tagen
Europa erschütterten, gegen die Auswüchse und
dekadenten Äußerungen einer überlebten un-
deutschen Kultur Sturm lief. Ein neues Kultur-
ideal wurde errichtet, Deutschlands Wiederge-
bt sollte aus der Neubelebung nationalen
eistes erwachsen. Allein, wer diesen Geist
erlassen wollte, konnte unmöglich an die un-
mittelbare Vergangenheit anknüpfen, er mußte
eit m die deutsche Vergangenheit zurück-
greifen und längst vergessenen Traditionen nach-
sehen, die in der Kunst und Religion des deut-
schen Mittelalters am reinsten und stärksten
f um Ausdruck kamen. Es war kein Zufall, daß
m jenen Tagen der Sang von den Nibelungen
*u neuem Leben erweckt wurde, daß deutsche
Volkslieder gesammelt wurden, die Faustsage
eine neue künstlerische Gestaltung erfuhr und
^'eist seine Hermannsschlacht schrieb. Neben
dieser literarischen Strömung, die unmittelbar
aus dem Born der volkstümlichen Gedanken-
"nd Gefühlswelt schöpfte, ist auf dem Gebiete
der bildenden Künste eine parallele Erschei-
nunß festzustellen, die von den gleichen rück-
wärts gerichteten Tendenzen beseelt, der bil-

I.

denden Kunst des deutschen Mittelalters zu
ihrem alten Ansehen verhelfen sollte. Die alten
deutschen und niederländischen Meister, die
sich ihre schlichte, tief empfundene Frömmig-
keit und Gefühlsseligkeit in eckiger und herber
Formgebung von der Seele malten, erstanden
plötzlich zu neuem Leben. Sie waren im Zeit-
alter des Rokoko, das auch im Kunstwerke nur
ein Spiegelbild seiner verfeinerten Überkultur
und raffinierten Eleganz suchte, in Vergessen-
heit geraten.

Zwar war schon Goethe als Straßburger Stu-
dent in seinem Aufsatz „Von deutscher Bau-
kunst" für die mittelalterliche Kunst eingetreten.
Daß die absichtslose, nur auf Phantasie und
Gefühl gegründete Malerei der alten deutschen
Meister höhere Werte in sich schlösse, als alles,
was die Routiniers des Rokoko hervorzubringen
vermochten, ist ihm zur Gewißheit geworden
und er bekennt: „Wie sehr unsere geschmink-
ten Puppenmaler mir verhaßt sind, mag ich nicht
deklamieren. Sie haben durch theatralische
Stellungen, erlogene Teints und bunte Kleider
die Augen der Weiber gefangen. Männlicher
Albrecht Dürer, den die Neulinge anspötteln,
deine holzgeschnitzteste Gestalt ist mir will-
kommener!" Diese Worte, die 1771 geschrie-
ben sind, klingen wie ein devinatorisches Wissen
um jene neudeutsche Bewegung in der Kunst,

April-Mal 1920. 2

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