Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 46.1920

Page: 84
DOI article: DOI article: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/dkd1920/0100
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
ZU DEN NEUEN BAYERISCHEN POSTWERTZEICHEN.

Das bayerische Postreservat hat eine viel
größere Bedeutung gehabt als nur die einer
verwaltungstechnischen Eigenbrödelei, als wel-
che es manchem Norddeutschen erschienen sein
mag, wenn er sich auf seiner Sommerreise da-
rüber ärgerte, daß seine Reichsmarken von
Aschaffenburg ab keine Geltung mehr hatten.
Es war vor allem auch ein ästhetisches Reser-
vat. Der bayerische Postillon im blauen Frack
und roter Weste war ein wundervoll stilechtes
Stück Erinnerung an die absolutistische Zeit,
und die Geschmacklosigkeit der Germania mit
dem Blechbusen ist uns in Bayern Gott sei
Dank erspart geblieben. Jetzt hat die bayerische
Postverwaltung unmittelbar vor ihrem Ende
noch ein Preisausschreiben für neue Postwert-
zeichen zur Erledigung gebracht und damit dem
„öffentlichen Geschmack", wenn dieses Wort
gestattet ist, einen sichtbaren Dienst erwiesen.
Denn die Ergebnisse dieses Preisausschreibens,
zu dem nur bayerische Künstler zugelassen
waren, stehen durchweg über dem Niveau der
Nationalversammlungsmarken.

Gewiß leiden auch diese Entwürfe unter dem
Grundgebrechen, welches allen Lösungen eines
derartigen Wertzeichens für ein republikanisches
Staatswesen anhaften wird: daß uns ein sicht-
bares Symbol für die deutsche Republik fehlt.
Die „Idee" der deutschen Republik gibt kein
unmittelbar sinnenfälliges Bild. Man fühlt diese
Verlegenheit bei dem schönsten Entwurf, in
dem eine bildhafte Lösung versucht wird, dem
von Franz Paul Glaß. Wenn der Volksmund
diese Marke bereits das „Brillantenliesl" ge-
tauft hat, so ist darin die wesentliche Kritik
enthalten: daß sich das Volk bei dieser barock
bewegten Frauengestalt, so gefällig sie gezeich-
net ist, nichts unmittelbares denken kann. Die
Lösung, die Siegmund v. Weech versucht hat,
aus der Patrona Bavariae das Markenbild zu
gewinnen, muß in unserer Zeit unvermeidlich
auf parteipolitische Mißdeutung stoßen. Als
ungefährlichste Lösung bleibt immer wieder, das
Markenbild rein auf Schrift und Zahl zu stellen.
Lösungen wie die von Julius Nitsche und Ger-
hard Franke sind durchaus glücklich in Linien-
führung und Proportion. An diesen beiden Ent-

würfen wird vielleicht deutlich, was für das
ganze Ergebnis der Konkurrenz in Anspruch
genommen werden kann und was es angenehm
von der Reichskonkurrenz unterscheidet: daß
die Lösungen sich angenehm frei halten von
allem im schlechten Sinn „Kunstgewerblichen".
Um genau zu sagen, was damit gemeint ist,
müßten wir vorerst analysieren, worin das im
schauerlichem Sinne Kunstgewerbliche besteht.
Das würde hier zu weit führen. Genüge der
Hinweis, daß beispielsweise eine kunstgewerb-
liche Sektflasche eine grauenerregende Vorstel-
lung wäre. Eine Sektflasche, einschließlich ihrer
Staniolbeklebung, ist ein Gebrauchsgegenstand,
der älter ist als das moderne Kunstgewerbe,
und das Kunstgewerbe darf nicht versuchen ihn
zu modeln. Ebenso ist eine Briefmarke, obwohl
sie doch nur ein bedrucktes Stück Papier ist
und darum aller Geschmacklosigkeit offen liegt,
die man mit der Druckerpresse anrichten kann,
ein Gegenstand, der seinen eigenen Stil hat, der
gewahrt bleiben muß. Es gibt eine „Brief-
markentradition", es gibt eine ganz gewisse
Briefmarkenatmosphäre, von der die gute Marke
umgeben sein muß, wenn sie wirklich postmäßig
wirken soll und nicht mit der Reklamemarke
irgend einer kaufmännischen Firma verwechsel-
bar sein soll. Wenn man eine Briefmarken-
sammlung von diesem Gesichtspunkte aus durch-
blättert, so wird man bald ein Gefühl dafür be-
kommen, welche Marken in diesem Sinne gut
sind und welche schlecht. Uns will es scheinen,
daß dieses Briefmarkenmäßige der Wirkung in
vielen Entwürfen der bayerischen Konkurrenz
erreicht ist, und darum kann man mit dem Er-
gebnis im allgemeinen zufrieden sein. Daß es
teilweise mit dem Mittel der Reminiszenz er-
reicht wurde, ist kein Einwand. Unsere Zeit ist
durch eigenwillige Lösungen, die zu mißglückten
Formen führten, in Schätzung ihrer eigenen
Produktionskraft bescheiden genug geworden.

Hoffen wir nun, daß die neuen Markenbilder,
die die bayerische Postverwaltung als ein Erbe
der Reichspostgemeinschaft hinterläßt, auf die
künftige bildhafte Erscheinung der Reichspost
in jederlei Gestalt ihren günstigen Einfluß aus-
üben mögen............kiino mittenzwey.
loading ...