Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 46.1920

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PROFESSOR BRUNO PAUL.

«LEUTE-ESSRAUM«

LICHTTRÄGER IN DER WOHNUNG.

Was dem baulichen Kunstwerk das Raum-
bedürfnis, das ist dem Beleuchtungskörper
das Lichtbedürfnis: ein Anlaß für „Form", Roh-
stoff der Gestaltung. Der Lichtträger ist keines-
wegs eine praktische Vorrichtung, sondern eine
positiv bestimmte, irgendwie stilisierte Art,
dem Wohnraum das Licht darzubieten. Schon
das Tageslicht flutet in einen baulich wohl durch-
dachten Raum nicht wähl- und fessellos ein:
das Fenster fängt die ungeheuren Massen des
Freilichts schon in menschlich gebundener Weise
ab und führt sie in bestimmt stilisierter Art über
Gegenstände und Wandflächen. Man spricht
vonRegelungdesLichteinfalls,vonLichtführung,
von Modellierung des Raums und seines Inhalts
durch das Licht, von weiser Abwägung des
Lichtes gegen den Schatten.

Viel stärker noch tritt das Stilisierte der Licht-
darbietung bei den Quellen künstlichen Lichtes
hervor. Die seelische Wirkung der Lichtführung
im Raum wurde sehr früh bemerkt. Von ihr
aus wird alles wichtig, was mit der Präsentierung
des Lichtes im Wohnraum zusammenhängt:
die Farbe des Lichtes, die Anordnung der Licht-
quellen im Raum, die Zerstreuung oder Zu-
sammenfassung, die Abdämpfung durch den
Schirm und insbesondere der Körper selbst,
der die Flamme trägt, faßt und hütet.

Der Beleuchtungskörper faßt die Flamme im
selben Sinne, wie man von der Fassung einer
Quelle, von der Fassung eines edlen Steines
spricht. Er ist der Übergang vom toten Stoff
zum Geistigsten, das wir kennen; vom Un-
lebendigen zum Lebensvollen; vom Trägen zum
Tätigen. Daher ist der Lichtträger häufig eine
Auflösung der Materie in eine reichere, zartere
Verästelung, ein Spalten in dünne, zweigartige
Röhren, zierliche Gehänge, ein Übergehen aus
Dingen von toter Oberfläche in glänzendes Me-
tall oder durchblitztes Glas, eine Behausung der
Helle in einer funkelnden Wohnung, in der ein
so geistiger, ungreifbarer Gast sich wohlfühlen
kann. Die letzte Form, die die eigentliche
Flamme hegt, wird fast immer zu einer Nach-
bildung des zartesten und zwecklosesten Stoff-
gebildes der Erde: zur Nachbildung des Blu-
menkelches, zu der Vereinigung eines
knospenhaft Zusammenhaltenden, der Dülle,
mit einem breit sich Öffnenden, dem eigent-
lichen Schirm.

Der Lichtträger bietet das Licht dar. Er
hat eine Bewegung in sich, ein Hinausstrecken
und Hochhalten, eine feierliche, spendende
Geste, die wir sogar im derbsten Menschenarm,
der etwa eine Fackel hält, wieder erkennen.
Der Zweig, der den Lichtkelch trägt, setzt an
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