Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 46.1920

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DER WETTBEWERB FÜR DIE REICHS-BRIEFMARKE.

von regierungsbaumeister a. ix hans meyer, berlin.

Als das Reichspostministerium trotz des Fehl-
. Schlages des Erinnerungsmarken-Wettbe-
werbs zu einem neuen rüstete, wurde es von
allen Seiten mit mehr oder weniger guten Rat-
schlägen bestürmt, wie die Fehler des ersten
zu vermeiden seien. Heute zeigt es sich, daß
die maßgebenden Herren sich das Beste davon
herauszusuchen verstanden haben, denn das
Ergebnis des nunmehr abgeschlossenen Aus-
schreibens kann durchaus als gut bezeichnet
werden. Der beste Gedanke — dennoch (oder
deshalb?) am meisten angegriffen — war der
der Zweiteilung in einen öffentlichen und einen
beschränkten Wettbewerb. Die Bedenken gegen
diesen ungewöhnlichen Schritt waren billig:
Ungerechte Bevorzugung, Verzettelung der Mit-
tel und dergleichen Schlagworte waren schnell
zur Hand — : siegreich haben sich demgegen-
über die Vorzüge dieses Vorgehens behauptet,
als deren wichtigster erwartet wurde und ein-
traf: Beteiligung der Allerbesten, die
einen öffentlichen Wettbewerb erfahrungsgemäß
gemieden hätten. Was von diesen 26 Künst-
lern (eingeladen waren 34) eingegangen ist,
etwa 150 Arbeiten, stand nicht nur im Gesamt-
durchschnitt über dem der 4000 Entwürfe der
andern 1100 Einsender (was des Rühmens nicht
wert wäre), sondern wurde auch von den besten
Leistungen des allgemeinen Wettbewerbs nicht
übertroffen.

Man hat die Zusammensetzung des Preis-
gerichts bemängelt. Nicht nur die Vielköpfig-
keit — 23 Mann — erregte Bedenken, auch die
Wahl der vertretenen Berufsklassen — 3 Be-
amte, 3 Abgeordnete, 9 Künstler, 8 Sachver-
ständige — wurde verurteilt. Einmal heischten
allerhand andere Körperschaften, Sammler, Hei-
matschützler und dergleichen ihrerseits Berück-
sichtigung, die Künstlerschaft andererseits hätte
am liebsten nur ihresgleichen unter den Preis-
richtern gesehen, und die Unentwegtesten unter
ihnen ließen nicht einmal die Auswahl dieser
neun Künstler gelten, da sie bei der Verschie-
denheit ihres Standpunktes Kompromisse be-
fürchteten. Gerade dieser naheliegende, in ähn-
lichen Fällen häufig gehörte Einwand hat sich
diesmal als hinfällig erwiesen. Über gewisse
Arbeiten, auch solche von äußerster neuer Rich-
tung, waren alle anwesenden Künstler einer
Meinung — ein Entwurf zum Beispiel trug auf
dem Begleitzettel als erste Stimme die von--

Jaeckel und Schlichting! — Es hat sich weiter-
hin gezeigt, daß die ausübenden Künstler mit
ihrer Fähigkeit, künstlerische Werte zu erken-
nen, keineswegs allein stehen: in keinem Fall
kam es zu einer geschlossenen Gegnerschaft
gegen die andern Preisrichter. So bleibt als
einzige noch nicht bestandene Probe das Urteil
der Öffentlichkeit. Mit der Wiedergabe der
von den Preisrichtern mit Preisen bedachten und
empfohlenen Entwürfe, 16 aus dem beschränk-
ten, 28 aus dem allgemeinen Wettbewerb, legen
diese öffentlich Rechenschaft über ihre Amts-
führung ab. In erweitertem Maße wird das
durch möglichst vollständige Ausstellungen
aller eingegangenen Arbeiten in zahlreichen
Städten und durch ein von der Reichsdruckerei
vorbereitetes Büchlein geschehen.

Welche Marken aus diesem Wettbewerb zur
endgültigen Ausführung hervorgehen werden,
ist noch nicht entschieden. Da aber der Minister
sich verpflichtet hat, seine Auswahl nur aus den
preisgekrönten, angekauften oder sonst vom
Preisgericht hervorgehobenen Arbeiten zu tref-
fen, — eine wichtige Bedingung, auf deren
Aufnahme die Preisrichter bei der früheren
Durchberatung der Ausschreibung rastlos ge-
drängt hatten, — so kann man jeder Entschei-
dung mit gutem Mute entgegensehen. Ob
nun der Pflüger Edwin Scharfs oder die,
neuzeitlichen Geist atmende und doch so fest
in guter Überlieferung ankernde Marke S c h n a r-
renbergers gewählt wird — beide werden
Widerspruch wecken, dem man aber diesmal mit
besserer Überzeugung entgegentreten kann —,
ob die zur letzten Vollendung gefeilten Arbeiten
Hadanks zur Ausführung gelangen — das
Schiff wurde allerdings von den Preisrichtern
trotz seiner meisterlichen Durchbildung als Vor-
wurf abgelehnt, während der Hinweis der zur
Beratung anwesenden Sammler auf ähnliche
Marken von Britisch Guyana (!) natürlich wir-
kungslos abprallte —, ob die packend gezeich-
neten Bergarbeiter Paul Neus, Michels
formsicherer Holzschnitt, Cissarz' feine, etwas
gefühlvolle Knieende, Dreschers eigenartige
Gemme, — ob Markus Behmers oder
Schneidlers eigenwilliger Flächenschmuck
oder sonst eine der andern erfolgreichen Arbei-
ten aus der letzten Wahl hervorgeht — : Deutsch-
land wird sich jedenfalls diesmal seiner neuen
Marken nicht zu schämen haben!..... h. m.
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