Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 46.1920

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RAOUL DUE Y— PARIS.

GEMÄLDE »DER TURKENREITER«

MIT GENEHM. DER GALBRIB FLECHTHEIM.

ABKLÄRUNG.

Picasso fait du Ingres, hört man seit einem
Jahre aus Paris. Und man wird gemahnt an
das künstlerische Wunschziel, das Cezanne
einmal aufgestellt hat: refaire Poussin sur na-
ture. In den künstlerischen Hauptstädten drückt
man die Entwicklung, die sich da anzubahnen
scheint, grob und mißtönig aus in dem Schlag-
wort: Ende des Expressionismus. Nur ein
kindliches Gemüt könnte darüber erstaunen.
Die 10—15 Jahre Lebensdauer, die jeder Kunst-
wahrheit beschieden sind, gehen für den Ex-
pressionismus ihrem Ende entgegen. Das Schlag-
wort tut das Seinige, um dieses Ende zu be-
schleunigen. Denn wenn auch nicht inneres
Keimen den Expressionismus zersprengen wür-
de : das Schlagwort seines Namens hat man zu
oft und zu laut gehört. Das Ohr verlangt einen
anderen Klang. Und wieder wird die Erfah-
rung gemacht, daß das Schlagwort wirklich
seinem Wortsinn gemäß funktioniert: es be-

nennt nicht nur eine Sache, es erschlägt sie auch.
— Aber davon abgesehen: Picasso macht In-
gres. Er hat die Malerei Europas eine größere
Strecke lang geführt. Das braucht keineswegs
die Konsequenz zu haben, daß sie ihm auch in
diese seine neueste Entwicklung folgen wird.
Aber zu denken gibt diese Entwicklung doch.
Sie bezeichnet immerhin eine Richtung, in die
unsere Malerei früher oder später wieder wird
einlenken müssen: Aufgabe des Kriegszustan-
des gegenüber der Naturvorlage, Ausdruck des
Geistigen durch das Medium treu bewahrter
Naturform, Klassizität in irgend einer Gestalt.

In Deutschland sind dazu noch keinerlei An-
sätze vorhanden. Wenigstens haben wir noch
nicht die geistige Einstellung, sie zu sehen. Viel
eher scheinen unsere Künstler noch durch die
Reize und Möglichkeiten einer entschlossen
abstrakten Kunst angezogen zu werden; was
bedeuten würde, daß sie es für verfrüht halten,
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