Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 46.1920

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STAATS-FACHSCHULE IN HAIDA. »GLÄSER MIT SCHLIFF U.NU GRAVIERUNG«

HANDARBEIT UND MASCHINENARBEIT IM SCHMUCK DES GLASES.

Es gab eine Zeit — und es ist dies noch gar
nicht so lange her — da standen einander
Handarbeit und Maschinenarbeit mit der größ-
ten Feindschaft gegenüber. Der seinerzeit viel-
gefeierte englische Reformator Morris ließ die
erstere gelten und suchte auf jedes Maschinen-
produkt Pech und Schwefel herabregnen zu
lassen. Daß bei aller Hochschätzung künst-
lerischer Einzelarbeit maschinelle Vervielfäl-
tigungen, die die hochentwickelte Technik des
19. Jahrhunderts in virtuoser Weise zu vervoll-
kommnen verstand, nicht mehr entbehrt werden
können, daß es das Rad der Entwicklung zurück-
schrauben hieße, wollten wir lediglich bei der
mittelalterlichen Handwerksart bleiben, haben
wir längst erkannt. Die Großindustrie wird sich
die Herstellung der zahllosen kunstindustriellen
Erzeugnisse nie entwinden lassen; ja wir selbst
werden sie gar nicht entbehren können, und
zwar in der uns bevorstehenden großen Spar-
samkeitsperiode weniger denn je. In vielen Be-
ziehungen ist eben die Maschine nicht nur eine
geniale technische Erfindung, sondern einfach
ein verbessertes Werkzeug, das mit der
größten Pünktlichkeit arbeitet.

Am wenigsten haben die technischen Fort-
schritte das Gebiet der Keramik und des
Glases berührt. Alle vorbereitenden Mani-
pulationen, die das Zerkleinern, Reinigen und
Mischen der Rohstoffe, sowie die Feuerungs-
anlagen betreffen, sind allerdings in staunens-

werter Weise verbessert worden. Die Herstel-
lung der Objekte selbst jedoch erfolgt heute
noch so ziemlich unter denselben Voraus-
setzungen wie vor Jahrhunderten. In der Glas-
industrie bläst der Arbeiter seine Gläser an der
Pfeife wie seit fast zwei Jahrtausenden und nur
für ordinäres Flaschenglas sind besondere Glas-
blasemaschinen erfunden worden, deren Pro-
dukte jedoch nur industriell, keineswegs kunst-
gewerblich zu werten sind. Der Glasraffineur
malt, ätzt, schleift oder schneidet wie früher
seine Stücke, nur daß er gelegentlich auch vom
Umdruck oder von der Guillochierung Gebrauch
macht oder daß verschiedene Erzeugnisse des
Schliffs durch gepreßte oder wenigstens vorge-
preßte Gegenstände verdrängt wurden. —■ Im
allgemeinen steht in der Gläserdekoration die
Handarbeit mehr oder weniger nach altehr-
würdigem Verfahren weitaus im Vordergrund.

Ist aber deswegen die neuzeitliche
Produktion auf diesem Felde erfreulich?
— Wenn man verschiedene Leipziger Messen
gesehen hat, wird man dies leider nicht bejahen
dürfen. Freilich das meiste, was uns die zahl-
reichen Firmen in fabelhaft reicher Musterkarte
vorzuführen haben, ist „Echte Handarbeit".
Und doch die meisten der Tausende und aber
Tausende von Stücken, für die der im Gebirge
sitzende Maler einen lächerlich niedrigen Ar-
beitslohn für das Dutzend oder das Gros zu be-
kommen pflegt, sind so wenig erfreulich, daß
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