Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 46.1920

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PROl'T.SS' IR BRUNO PAUL.

»OBERES TREPPEN HAUS «

KUNST UND BILDUNG.

VON KAKI. MECKEL.

Durch einen Ausspruch von Edwin Redslob,
demVorstandderwürttembergischenKunst-
sammlungen, ist die Frage nach dem Verhältnis
von Kunst und Bildung wieder einmal auf die
Tagesordnung gesetzt worden. Redslob stellt
die Forderung, die Kunst im Interesse einer
freien Entfaltung „aus den überkommenen
Fesseln des wesentlich Bildungsmäßigen zu
lösen". Leider erklärt Redslob nicht, was er
unter Bildung versteht. Ist wissenschaftliche,
künstlerische oder kulturelle Bildung gemeint?
Tote oder lebendige, konventionelle oder per-
sönliche Bildung? Je nach der Antwort ergibt
sich für uns eine wesentlich veränderte Stellung
zu seinem Ausspruch. Darüber sind wir uns
wohl einig, daß der naiv schaffende Künstler
gegenüber dem bewußt bildenden den Vorteil
eines freieren Fluges der Fantasie genießt.
Aber wir müssen uns dagegen verwahren, daß
der von Redslob in erster Linie gemeinte ex-
pressionistische Künstler schon durch Aus-
schaltung der Bildung zu jener Naivität gelange.

Bis zum achtzehnten Jahrhundert bedeutete
gebildet so viel als „gestaltet". Erst mit der
Zunahme des Intellektualismus und der schul-
mäßigen Erziehung gewann das Wort jene
Bedeutung, die wir ihm heute allgemein bei-
messen, und die Nietzsche seinen Hohn über
den „Bildungsphilister" ausgießen ließ. Mit
vollem Recht, denn jener „Gebildetheit" wohnt
keine Handlung des Bildens inne, keine lebendig
gestaltende Kraft, sondern sie ergibt nur eine
von außen derTraditionentnommene Bekleidung.

Wir kennen genug Maler, die trotz dem
Mangel an Bildung, ja auch bei geringwertiger
Intelligens Tüchtiges leisten, nur daß sie immer
Gefahr laufen, sich im Technischen zu verlieren
und in der Regel der Poesie entbehren. Das
darf uns nicht wundern; denn, wo weder die
Überlieferung, noch die aus eigener Erkenntnis
gewonneneEinsichtdemQuell des künstlerischen
Schaffens Speisung zuführt, da verbleibt nur
die Möglichkeit technischer Vervollkommnung,
nicht aber die Entfaltung schöpferischer Ideen.
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