Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 46.1920

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ARCHITEKTONISCHE LÖSUNGEN.

Der Architekt ist zu einem guten Teil Rechner.
Er benötigt zwar von der höheren Mathe-
matik für die Praxis des Hausbaus nicht allzu-
viel. Aber die allgemeinen rechnerischen Grund-
lagen seines Unternehmens müssen ihm dafür
desto eindringlicher gegenwärtig sein. Für den
Architekten ist der Bau ein System von Maßen,
von Winkeln und Verhältnissen, und zugleich
ein finanzielles Gerüst, in dem Arbeits- und
Materialkosten, Boden- und Gebäudewerte,
Hypotheken, Mieten und Zinsen die wesent-
lichsten Faktoren darstellen. Der Laie sieht
gottlob diese vielfältigen Zahlengebäude nicht,
sonst würde ihm oft der Genuß am schönsten
Hause vergehen. Aber dem Architekten ist
leider das Bauen fast nicht mehr als ein stetes
Rechnen, er muß die Partitur der Zahlen gründ-
lich beherrschen, um trotz alledem noch eine
gute Musik zu machen. —

Nicht minder wichtig ist die technische Lösung.
Wir können das Haus auch als ein System von
Zweckmäßigkeiten auffassen, die entweder mit
seiner eigenen Erhaltung oder mit der mensch-
lichen Benutzung zusammenhängen. Die Mauern
stützen und bergen, das Dach lastet und schützt.
Die Heizung dient nur dem Menschen als
Wärmequelle, die Fundamente existieren aus-
schließlich für die Selbsterhaltung des Hauses.
Diese beiden Zwecksysteme gilt es, nachdem
erst jedes einzelne technische Erfordernis für
sich berücksichtigt ist, noch in Einklang zu
bringen. Der Bau ist technisch gelöst, wenn
alle Zwecke so erfüllt
sind, daß keiner den
andern beeinträchtigt.
— Von Kunst war bei
all dem noch nicht die
Rede. Ein Bau kann
technisch und rechne-
risch einwandfrei da-
stehen, und doch ein
wüster Formenhaufen
sein. Hier setzt der
Architekt als Künstler
ein. Er sorgt dafür,
daß eine Form mit der
anderen harmoniert,
daß ein gutes Verhältnis
entsteht zwischen den
Teilen unter einander
und zum Ganzen. Er ge-
staltet die technischen
Dinge so, daß ihre Ge-

richaru bauroth—charlottenburg.

samtform und ihre Glieder klar hervortreten,
und daß ein künstlerisch interessantes Gebilde
entsteht. Die Türe wird eine Form, ein Rechteck
mit aparter Teilung, das Dach ein System von
schiefen Ebenen. Künstlerisch gelöst ist die
Bauaufgabe, wenn aus allen Baugliedern gute
künstlerische Formen geworden sind und wenn
diese Formen sich zu einer großen Einheit
zusammenschließen. Insbesondere handelt es
sich hier darum, den Bau stilistisch durchzuar-
beiten. Wo stillose oder stilfremde Formen
sich zeigen, bleibt ein ungelöster Rest.

Daneben gibt es aber noch eine andere künst-
lerische Lösung. Denken wir an eine alte Kirche.
Da kam es dem Baumeister nicht so sehr darauf
an, alle Formen möglichst kunstvoll durchzu-
bilden. Die Kirche war ihm eine Stätte der
Andacht, der Sammlung, der Gottesverehrung,
und er baute seine Kirche so, daß sie dieser
Stimmung, diesem innern Wesen am besten
entsprach. Das ganze Haus wurde zur verkör-
perten Andacht, und desto schöner war die
Kirche, je mehr sie in allem von Andacht,
Sammlung, Gottesverehrung erfüllt war. Das
Biedermeierzimmer atmet bürgerliche Behag-
lichkeit, ein alter Barockschrank ist die Ver-
körperung ruhiger, bergender Festigkeit. So
hat jedes Ding seine Seele, seinen Charakter,
seine Stimmung. Künstlerisch gelöst ist das
Haus und sind die Bauglieder erst dann voll-
kommen, wenn jegliches Ding die seinem inneren
Wesen entsprechende Gestalt gefunden hat,
wenn eine Seele so aus
dumpfer Wirrnis erlöst
ist. Man kann die rein
formale Durcharbeitung
leicht zu weit treiben,
wenn das Haus in ein äs-
thetisches Formenspiel
aufgelöst wird, sodaß
für die Beseelung kein
Platz mehr bleibt. Dann
geht alleBlut wärme, alle
Schwere und irdische
Dinghaftigkeit verloren.
— Keine der vier archi-
tektonischen Lösungen
kann für sich allein
durchgeführt werden;
das Haus wird ein guter,
lebensfähiger Organis-
mus erst dann, wenn alle
vier gelungen sind. a. j.
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