Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 46.1920

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HOLZPLASTIK

j »MADONNA«

I ANFANG DES

j XIV. JAHKH.

I STÄDT. MUSEUM

,,] FRANKFURT M.

J

VON DER SEELE DER GOTIK.

Seitdem Wilhelm Lehmbruck seine Figuren
in die Schlankheit und Linie der Gotik auf-
wachsen ließ, gewöhnte man sich daran, alle
Hoderne Kunst, wenn sie Innerlichkeit suchte,
mit Gotik zu vergleichen.

Vergleiche hinken; und doch, trotz der Ver-
schiedenheit des Weltbilds, das damals und
heute hinter den Künstlern steht, läßt sich Ge-
meinsames nicht anzweifeln.

Räumliche Beziehungen zu Selzen und zu lö-
Sen, ist die Aufgabe der bildenden Kunst. In
diese räumlichen Werte wird Seelisches gebun-
den. Anders formt ein Gotiker die Mutter
Christi als ein romanischer Künstler oder ein
Renaissancemensch. Ist es nicht bezeichnend,
daß es (j;e Gotik war, die zuerst Multer und
^■ind zusammenfügte, und nach starren An-

sätzen das innige Verbundensein, körperlich
und seelisch, ausdeutete ?

Anfangs nichts anderes als ein menschlicher
Sitz für den jungen Heiland, der mit dem Blick
in die Ferne eigene Aufgaben erfüllte, wird
Madonnaimmergelösterin Gliedern und Geislig-
keit zur Mutter, in deren Armen das Kind keine
andere Aufgabe besitzt, als zu genießen, sei es
den Lebensquell des Mutterbusens, sei es die
zarte Sorge liebender Hut. So wächst mit dem
Einleben in die Beziehung zwischen zwei Men-
schen die Gestaltungskraft. Aus der zärtlichsten
Mutter wird die Dulderin am Leichnam des
Sohnes. Die Falten des Kopftuchs sinken her-
ab wie rinnende Tränen und weinen mit, alle
Linien strömen im Fall Leid, Mitleid.

Doch der Beruf dieser Gestalten war es nicht

Juni

1920. 4
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