Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 46.1920

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GESETZ UND GEFÜHL.

Viel Unfug wird jetzt getrieben, indem, was
gefühlsmäßig entstanden, nachträglich mit
Worten ausgeputzt und auf irgend eine geheim-
nisvolle Lehre zurückzuführen versucht wird.
Wohl die meisten jungen Künstler, die expres-
sionistisch arbeiten, tauchen lediglich in die
strömende Bewegung ein, ihre größte Mühe ist,
sich richtig einzustellen, so daß sie von sich aus
den neuen Stil treffen. Direkte Nachahmung
von Äußerlichkeiten der Manier ist dabei gar
nicht so häufig. Vielmehr sucht jeder seine
eigene Manier zu finden. Der Verstand hilft da
wenig. Denn trotz der Überschwemmung mit
gedanklichen Theorien, der Maler muß doch in
erster Linie auf das bildmäßige, farbige oder
graphische Aussehen achten. Der Künstler
kommt intuitiv auf seine neuen Farben und Ge-
bilde, und sein Verstand, oder der eines guten
Freundes, erfindet nachher die zugehörige
Theorie, den — ismus. Denn das gehört heute
zum guten Ton. Wer als Künstler etwas auf
sich hält, der muß seinen eigenen Ismus haben.

So ergibt sich die merkwürdige Erscheinung,
daß wir einen ansehnlichen Reichtum an Bild-
schöpfungen, Farbeneffekten und graphischen
Witzen vorfinden, die an sich, nur mit dem
Auge betrachtet, höchst amüsant wirken und
eine geistige Betrachtung gar nicht nahelegen,

daß wir uns aber den sinnlichen Genuß dieser
Reize selbst vergällen, indem überall eine Be-
deutung, ein tiefer Sinn, eine Theorie gesucht
wird. Es ist nicht zu leugnen, daß allerdings
vielenKünstlern die Theorie nachträglich, hinten-
herum, doch noch in den Pinsel pfuscht, und
so manch schönes Blatt verdorben wird.

Ein vollkommenes Mißverständnis von dem
„Geistigen" in der Kunst liegt dem zugrunde.
Geistig heißt doch nicht verstandesmäßig und
nicht literarisch. Die Schönheit eines Kristalls
ist höchst geistiger Art, und sie enthüllt sich
doch dem naiven Auge. Ob auch die wissen-
schaftliche Formel des Kristalls einfach, knapp,
interessant ist, das hat mit seiner formalen Schön-
heit gar nichts zu tun. So kann die geistvollste
Theorie optisch tote Werke hervorbringen, wäh-
rend zu einem Bild von höchster Wirkung der
Verstand oft eine sehr blöde Erklärung serviert.

Pinsel und Stift sind zur Zeit sehr ausgelassen
und rücksichtslos. So muß die arme Theorie
die tollsten Purzelbäume schlagen, unglaubliche
Verrenkungen ausführen, um allen diesen „Be-
wegungen" zu folgen. Das könnte uns kalt
lassen, wenn es sich nicht immer wieder zeigte,
wie Künstler von starker gefühlsmäßiger Be-
gabung durch ihre Kommentatoren verwirrt
werden................ anton jaumann.

HERMANN GEIBEL. HOLZPLASTIK »ERWACHENDE«
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