Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 46.1920

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SCHRIFTKUNST UND DICHTUNG.

VON OTTO REICHERT.

Das gesprochene Wort verlangt nach einer
bildlichen Form, die das Flüchtige der
Laute bannt und ihren Sinn andern Menschen
und Zeiten übermittelt. Wie die Musik dem
Wort tiefere Schwingungen abringt, so soll die
Schrift das Kleid sein, das seinen Klang um-
hüllt und ihn dem Auge kenntlich macht. Wenn
heute die Kunst der Alten, schön zu schreiben,
wieder lebendig geworden ist, so ist dies nicht
mehr, um als Bildverständigungsmittel zu die-
nen, sondern um irgend etwas Besonderes aus
dem Alltäglichen des Gedruckten herauszu-
heben, ihm neue Bedeutung, neuen Persönlich-
keitswert zu geben.

Die Schrift hat ihre eigene Seele, die zu uns
reden möchte. Wer sie erklingen lassen will,
muß Sinn haben für die Musik, die in den Buch-
staben liegen kann, im Spiel der Linien und
Formen. Erst dies wird ihn über das rein Hand-

werkliche hinausbringen, über das mechanische
Aneinanderreihen von Buchstaben, heute in der,
morgen in jener Schrift. Was die Handschrift
zum Kunstwerk erhebt, ist das schöpferische
Gestalten, das die Buchstaben dem Gedanken-
inhalt des Textes anpaßt und diesen dadurch
in Schrift übersetzt.

Der Musiker, der ein Gedicht zum Lied ver-
tont, läßt schon die Töne reden, malt mit der
Klangfarbe, mit Tonfolgen, mit Dur und Moll
und läßt den Rhythmus so wirken, daß schon
daraus auf die Stimmung der Dichtung zu
schließen ist, auch wenn die Worte noch nicht
gesungen werden. So sollte aus dem Schrift-
bild der Sinn einer Dichtung zu fühlen sein,
noch ehe man die Worte las. Es muß also ein
Gestalten aus dem Geist der Dichtung heraus
werden, und so gelingt es auch nur dem, der
Dichtung zu erleben vermag, der die Musik
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