Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 46.1920

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LAMPENSCHIRME. Licht ist nicht Helligkeit,
j sondern Strahlung. Es soll nicht zerstreuen,
zerreißen, sondern einigen. Es sammle die Ge-
sellschaft um den Tisch, dir selbst gebe es
Sammlung mit dem Buche. Und wenn drei
Viertel des Raumes in Dämmerung sinken, der
eine bestrahlte Fleck hebt sich dafür desto wär-
merheraus, wie derEdelstein in dunkler Fassung.

Dieser Lichtkegel, auf den kommt es an!
In ihn tauchen wir ein, wenn wir lesen, schrei-
ben, essen. Die dunkelnden Wände weichen
zurück, die Gedanken schweben, während du
liest, hinaus. Du bist allein im Weltraum, allein
mit deiner Seele und dem Dichter!

Der Lampenschirm ist heute nötig. Denn
er scheidet Licht von Dunkel, er gestaltet. Er
gibt der Lichtaura festen Kontur, er entbindet,

befreit die Farbe. Wir schauen in dieses farbige
Leuchten, in das grüne, rote, violette Glühen
und finden Erlösung von irdischer Schwere, ein
Aufbrennen der Schönheit.

Darum, weil der Lampenschirm eine Über-
windung aller zweckhaften Nüchternheit ist,
könnt ihr ihm auch die kühnsten, unwahrschein-
lichsten Formen geben. Ich sah leuchtende
Hörner, Pagoden, Würfel, Spitzkristalle, und die
Frau, die alles „Nüchterne" haßt, kaufte. Die
Zeiten der Mystiker haben an dieses innere
Leuchten geglaubt und sie haben unbedenklich
die Fenster ihrer Kathedralen mit glühenden
Märtyrern gefüllt. Heute haben wir den Lampen-
schirm, in dem wir noch ein bißchen Mystik,
eine Durchseelung der Dinge mit Licht und Far-
ben gestalten können.......anton jaumann.

friedmann & weber—baden-baden. »tischlampe
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