Pantel, Etta [Editor]
Denkmaltopographie Bundesrepublik Deutschland: Baudenkmale in Niedersachsen (Band 25): Baudenkmale in Niedersachsen: Landkreis Soltau-Fallingbostel — Braunschweig, 2001

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SIEDLUNGSFORMEN UND NATURRÄUMLICHE GLIEDERUNG
Der Landkreis Soltau-Fallingbostel liegt in der östlichen Mitte des Landes Niedersachsen und ist Teil
des Tieflandes, welches an die fruchtbaren Marschen im Küstenbereich anschließt und südlich vom
Mittellandkanal in das Bergvorland übergeht. Er erstreckt sich in Nord-Süd-Richtung zwischen den
breiten, südost-nordwest-gerichteten Urstromtälern von Elbe und Aller mit der Wümme-Niederung
im Nordwesten und dem Uelzener Becken im Nordosten. Dazwischen unterteilen weitere Flusstäler,
wie das der Böhme in Nord-Süd-Richtung das Tiefland. Das 1.873 qkm große Kreisgebiet schließt
auf der Ost-Nordost-Seite an die Kreise Celle, Uelzen und Lüneburg und auf der West-Südwest-
Seite an Verden und Rotenburg (Wümme). Die größte Nord-Süd-Ausdehnung hat das Kreisgebiet
zwischen den Kreisen Harburg im Norden und Hannover bzw. Nienburg im Süden.
Siedlungsformen
Die unterschiedlich breiten, ursprünglich von Erlenbruchwäldern gesäumten moorigen Niederungen,
die später in fruchtbare Auen umgewandelt worden sind, werden auch heute noch von zahlreichen,
gewundenen Wasserläufen durchzogen. Über die weiten Flächen dazwischen erstreckt sich die
hügelige, sog. Geestlandschaft, deren niederdeutscher Name sich im Unterschied zur Marsch aus
der ursprünglichen Unfruchtbarkeit des Bodens herleitet. Sie erhielt ihre Ausprägung während der
Elster- und Saalevereisungen und vor allem während der 60.000 Jahre dauernden Weichseleiszeit,
als sich über die flache, nur etwa 50 Meter über dem Meeresspiegel liegende Platte mit tiefreichen-
den Rinnen eine von Schmelzwassern geschaffene Moränenlandschaft mit abgetragenen Höhen bis
zu einer Höhe von 170 Metern geschoben hat.
Siedlungsentwicklung
Der vielfältige Wechsel an Bodenarten begünstigte eine frühe, schon für die Steinzeit bezeugte
inselartige Besiedlung durch eine Ackerbau und Viehzucht betreibende Bauernbevölkerung. Eine
kontinuierliche, vorchristliche Dauerbesiedlung der gesamten Region wird aufgrund von Funden
jedoch vielfach frühestens seit Ende der Bronzezeit um 700 v. Chr. angenommen. Die Christianisie-
rung und Unterwerfungspolitik und das Eindringen der Franken unter Kaiser Karl dem Großen hatte
nach 800 eine Siedlungswelle auslöst, die erst im hohen Mittelalter ihren Höhepunkt fand. Die
ältesten, urkundlich gewordenen Siedlungen des Landkreises stammen aus dieser Zeit; wie Fulde
822-826 als „Fuilmi“, Woltem um 835 als „Uualde“ oder „Wolde“ und Eickeloh 825-876 als „Heclo“.
Die Orte Moide und Suroide/Wietzendorf (oid = Gut) werden ebenfalls dem 9.Jh. zugeschrieben
und eine frühe Erwähnung fanden auch Ostenholz um 950 als „Osterholte“, sowie Norddrebber 990
als „Thriveri“ und „Triburin“. Schon früh enthielten Ortsnamen wichtige Geländebezeichnungen, wie
am Beispiel von Bommelsen, 826 als Bamlinestade = Ufer an der Bamlina oder Dorfmark, um 968
als „Thormarca“ = an der Grenze sowie Flurbezeichnungen, wie ,,-horn“, ,,-loh“ oder „-brock“. Wohl
eine Einzelhofstelle bezeichnet die Silbe „burstalle“ oder „borstel“, wie Fallingbostel um 993 als
„Vatulingeburstalle“. Auf früheste Gründungen deuten vor allem Ortsnamen mit Endungen wie „-
hem“ oder ,,-ingen“ hin, die zumeist in Verbindung mit Personennamen stehen (Rethem, Vethem,
Grethem aber auch Ahlden, Gilten oder Boitzen sowie Wahlingen, Häuslingen, Idsingen, Honerdin-
gen Krelingen, Wolterdingen) obwohl sie durchweg erst im 12./13.Jh. urkundliche Erwähnung
fanden (Stöcken 1198 als „Stockheim“). Im hohen Mittelalter gegründete Orte enden oft mit -rode,
wie Walsrode = altsächsisch Kreuz (wohl nicht vor dem 9.Jh.) oder -hagen, wie Hodenhagen (nicht
vor dem 11 .Jh.) und weitaus jüngere mit „-hausen“ oder ,,-husen“ bzw. ,,-dorf“.
Siedlungsstruktur
Noch im 19.Jh. entsprach das Siedlungsbild im gesamten Kreisgebiet den ursprünglichen natur-
räumlichen Gegebenheiten, nach denen sich in Abhängigkeit vom Ertragreichtum des Bodens
unterschiedlich große und voneinander entfernte Ansiedlungen herausgebildet hatten, (vgl. histori-
sches Kartenmaterial des 18. und 19.Jh.). Strukturelle Entwicklungen und eine vielfach damit
einhergehende, von der Landschaft unabhängige Erweiterung der Siedlungsflächen haben seither
vor allem in den gut angebundenen und bereits im 19.Jh. aufblühenden Ansiedlungen bzw. in den
vom Fremdenverkehr profitierenden Gegenden das Bild etwas verwässert.
Ziel frühester Ansiedlungen waren vor allem die Flusstäler. Während sich im Bereich der häufig über-
schwemmten, fruchtbaren Auen im Süden (Aller, Leine, Böhme u.a.) und teilweise auch Norden
(Brunau und Luhe) in hochwasserfreien Randlagen Reihen von Haufendörfern entwickelten, waren
in den weiten, kargeren Bereichen vor allem im zentralen Geestbereich flächenintensivere, haufen-
dorfartige Streusiedlungen und, als sog. dritte Siedlungsschicht insbesondere Einzelhofanlagen,
auch einstellige Höfe genannt, entstanden.
Die gewachsenen Haufendörfer hatten sich zumeist ohne einen zentralen Bereich als lockere Grup-
pierungen um Straßenkreuzungen gebildet. Eine seltene, strengere Form nimmt im Kreisgebiet das
rundlingsartige Haufendorf Gilten ein, in dem sich die Hofanlagen im Halbrund um eine zum Fluss
geöffnete, mittige Wiese drängen sowie das kleinere Grindau/Schwarmstedt. Seit dem 15.Jh. waren
zur Aufnahme der angewachsenen Bevölkerung von der jeweiligen Herrschaft planmäßige Siedlun-
gen angelegt worden, die u.a. in dem Giltener Niederungsgebiet südwestlich von Aller und Leine
durch mehrere, in große, zusammenhängende Waldflächen hineingetriebene Rodungssiedlungen
verkörpert werden (Norddrebber, Suderbruch, Nienhagen, eine schon im 13.Jh. erwähnte
Wüstung), gekennzeichnet von geradlinigen ein- oder zweizeiligen Strukturen der sog. Hagen- oder
Waldhufendörfer.

Haufendorf Bockhorn (Preuß. Landesaufnahme 1897)


Streusiedlungen Woltem und Frielingen (Preuß.
Landesaufnahme 1897)


Einzelhofanlage Bockheber (Preuß. Landesaufnahme
1899)


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